Ulrich Kasparick im Gespräch über Fremdenfeindlichkeit, die Möglichkeiten der Kirche und die Anzeige gegen Horst Seehofer

Ulrich Kasparick

Ulrich Kasparick ist ein Mann, der für das einsteht, was er denkt und glaubt. Er glaubt an eine Welt, in der kein Mensch ausgegrenzt wird wegen seiner Religion, Herkunft oder Geschlecht. Bei seinem Kampf gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus schreckte der ehemalige Bundestagsabgeordnete der SPD auch nicht davor zurück, den bayerischen Ministerpräsidenten, Horst Seehofer, wegen seiner Rede zum politischen Aschermittwoch anzuzeigen.

Freiheitsliebe: Hallo Ulrich du hast vor wenigen Tagen Horst Seehofer angezeigt, wie kam es zu diesem Schritt?

Ulrich Kasparick: Ich hab im Internet ein Video gefunden mit Ausschnitten aus seiner Aschermittwochs-Rede, die er anlässlich des politischen Aschermittwoch in Passau gehalten hat. Ich hab dieser Rede sehr aufmerksam zugehört und ich fand, daß er selbst für die üblicherweise scharfen Reden, die an einem politischen Aschermittwoch üblich sind, zu weit gegangen ist als er meinte, er wolle in der Berliner Koalition “bis zur letzten Patrone darum kämpfen”, daß “Menschen aus anderen Kulturkreisen” und Ausländer “nicht in die deutschen Sozialsysteme einwandern.” Ich finde, das ist die öffentliche Herabwürdigung einer Bevölkerungsgruppe, nämlich die der Asylsuchenden. Und die Herabwürdigung einer Bevölkerungsgruppe ist nach § 130 StGB strafbewehrt. Damit man ggf. gerichtlich prüfen kann, ob mein Eindruck zutrifft, war eine Anzeige erforderlich. Die hab ich erstattet.

Fremdenfeindlichkeit in der Mitte der Gesellschaft

Freiheitsliebe: Diese Ausdrucksweise erinnert mehr an Politiker der extremen Rechten. Wie kommt es, dass sich ein Politiker einer großen deutschen Partei solcher Worte bedient?

Ulrich Kasparick: Ich habe den Eindruck, daß unsere Gesellschaft insgesamt sehr nachlässig geworden ist im Gebrauch der Sprache. Es scheint alles erlaubt zu sein. Insbesondere Politikern, Schauspielern und Sportlern, auch etlichen Journalisten lässt man einfach alles durchgehen. Ich weiß um die Kraft der Worte, deshalb versuche ich, sehr sorgsam mit der Sprache umzugehen.. Wenn ein bundesweit beachteter Landespolitiker solche Sprache verwendet, dann höre ich besonders genau zu. Da ich Herrn Seehofer persönlich kenne, wir saßen am Kabinettstisch direkt nebeneinander, wenn ich dort Dienst hatte, weiß ich, daß er seine Worte sehr bewußt auswählt. Um so bemerkenswerter fand ich seine Aussage. Nach meinem Eindruck verfolgt er ein politisches Kalkül. Er will all jene potentiellen Wähler, die aufgeschlossen sind gegenüber Fremdenfeindlichkeit und die gegen Migranten eingestellt sind, an die CSU binden. Ich halte das nicht nur für populistisch, sondern eben für unerlaubt. Denn das wäre Wahlkampf auf Kosten einer Bevölkerungsgruppe, noch dazu, bei Herabwürdigung dieser Bevölkerungsgruppe. Soetwas ist nach meiner Auffassung nach Strafgesetzbuch strafbewehrt.

Freiheitsliebe:Insbesondere der CSU wird immer wieder vorgeworfen, dass sie die Debatte um Migration instrumentalisiert um daraus Wähler an sich zu binden. Kannst du solche Kritik an der CSU nachvollziehen oder betrifft es nur einzelne Person in der CSU?

Ulrich Kasparick:Ich kann die Partei als Ganze nicht beurteilen, ich kenne die CSU im Grunde nur als Gruppe im Bundestag. Aber da war durchaus der eine oder andre dabei, der einer solchen Instrumentatlisierung der Debatte gegenüber sehr aufgeschlossen war. Nun nehmen sich die Kollegen im Bundestag ja doch noch immer etwas zusammen, aber wenn ich sie mir dann noch im eigenen Wahlkreis in einem entsprechenden Bierzelt unter ihresgleichen vorstelle, dann kann ich mir lebhaft ausmalen, wie es da zugeht.
Man muss ja folgendes sehen: es gibt ja in großen Teilen der Bevölkerung eine latente Bereitschaft zu Extremismus und Fremdenfeindlichkeit. Prof. Heitmeyer hat ja in umfangreichen Studien immer wieder darauf hingewiesen. Und, wie wir gesehen haben, finden ja auch die seltsamen Thesen von Herrn Sarrazin viele Zehntausende Leser und große Öffentlichkeit. Es gibt also offenbar ein Klima in diesem Lande, das dem insbesamt Vorschub leistet. Auch, wenn man in andere Länder Europas schaut, kann man erkennen, daß Ausländerfeindlichkeit und Ressentiment keine allein deutsche Angelegenheit sind. Aber: umso aufmerksamer muss man halt sein.
Wenn dieser Trend nun einher geht mit einer weit verbreiteten Unachtsamkeit gegenüber der Sprache, dann wird die ganze Sache politisch hoch riskant, die die Hochkulturen dieser Welt wissen eines gemeinsam: aus dem Gedanken kommt das Wort, aus dem Wort die Tat. Deshalb muss man bei den Worten sehr achtsam sein, denn es entstehen daraus Taten.

Worten folgen Taten

Freiheitsliebe: Der Hetze gegen Muslime sind Taten gefolgt, so wurden in Berlin mehrere Anschläge auf Moscheen begangen. In den Medien zeigten sich die meisten Politiker darüber erstaunt, allerdings gibt es bisher keine wirklichen Versuche die Vorurteile gegen Muslime abzubauen. Welche Mittel hatte die Politik um gegen die Hetze auf Muslime vorzugehen? Wieso sind Ressentiments gegenüber Muslimen in Deutschland so stark verbreitet, im Verhältnis zu anderen westeuropäischen Ländern?

Ulrich Kasparick: Ich bin von meiner Ausbildung her evangelischer Theologe, habe mich seit meinem Studium aber intensiv mit anderen Religionen beschäftigt. In meinem politischen Leben hat mich besonders die Frage interessiert, was die großen Religionen zur Versöhnung der Völker beitragen können. Leider haben aber die großen Religionen auch eine lange Geschichte gegenseitiger Missverständnisse. Das belastet den Dialog manchmal, inbesondere, wenn man Vorurteilen gegenüber dem Religiösen überhaupt begegnet. Mein Eindruck von unserer westlichen und oft als “christlich” bezeichneten Gesellschaft ist, daß sie im Grunde sehr entchristlicht ist, insbesondere in den großen Städten und im Osten Deutschlands. Das ist dort sicher auch eine Folge von 40 Jahren Diktatur. Denn während jener Jahre gehörten Kirche und “Glauben” eher zu den ausgegrenzten Randbereichen einer materialistischen Gesellschaftsordnung. Ich bin der Auffassung, daß die westliche Ordnung, in der ich nun seit über zwanzig Jahren lebe, im Kern auch eine materialistische ist, denn in ihr zählen nur äußerer Erfolg, Geld, Einfluss, Geltung etc. Die so oft beschworenen “christlichen Werte” sind in vielen Fällen – nicht immer! – innen hohl. Viele Menschen wissen nichts mehr von wirklicher Spiritualität und gelebter Religion. In manchen Regionen gehört es zwar zu einem bürgerlichen Haushalt dazu, daß man “zur Kirche geht”, aber mit wirklich lebendiger, gesunder Spiritualität hat das oft nicht mehr viel zu tun. Ich glaube daraus resultiert ein großes Missverständnis im Umgang mit anderen Religionen, insbesondere, wenn man auf Menschen trifft, denen Religion und Spiritualität wesentlicher Lebensinhalt sind. Deshalb glaube ich: ein wirkliches Verständnis wird erst dann wieder möglich werden, wenn das “christliche Abendland” wirklich wieder zu seinen eigenen Wurzeln zurückkehrt und den hohen Wert von wirklich lebendiger und gesunderer Spiritualität entdeckt.

Rassismusbekämpfung mit Hilfe der Kirche

Freiheitsliebe: Konnte die Kirche deiner Ansicht nach einen größeren Beitrag zum gegenseitigen Verständnis und zur Bekämpfung des Rassismus leisten?

Ulrich Kasparick: Ja, das glaube ich sehr. Man muss aber sehen, dass die Evangelische Kirche in Deutschland mit ihren Landeskirchen föderal aufgebaut ist. Erklärungen der EKD oder der Landessynoden (Parlamente) allein tun es ja nicht, weil die eigentliche Begegnungsarbeit in den Gemeinden getan werden muss. Aber die Kirche kann mit ihren grossen Werken, Krankenhäusern, Sozialeinrichtungen, Akademien, Bildungseinrichtungen und schließlich auch mit den einzelnen Gemeinden vor Ort deutlich mehr tun.

Freiheitsliebe: Welche Möglichkeiten hätten denn die Einrichtungen der Kirche, und die einzelnen Gemeinden?

Ulrich Kasparick: Nun sie könnten alle ihre Veranstaltungen dafür nutzen, Menschen aus anderen Kulturkreisen einzuladen und gemeinsam mit ihnen Veranstaltungen zu gestalten. Die Möglichkeiten für den Dialog, auch für das gemeinsame Feiern sind vielfältig

Freiheitsliebe: Die Idee eines Dialogs verschiedener Glaubensrichtungen, funktioniert zwischen Muslimen und Juden in Deutschland in letzter Zeit relativ gut. Siehst du Fortschritt bei dem Dialog zwischen Christen und Muslimen?
Abschließend möchten wir noch wissen, ob du Rückmeldungen bekommen hast zur Anzeige gegen Horst Seehofer und wie diese ausgefallen sind?

Ulrich Kasparick: Zum Dialog kann ich sagen: am besten funktioniert er, wenn man gemeinsam an einem konkreten Projekt arbeitet. Ich unterstütze deshalb die Grünhelme, die “als zivile Antwort auf den 11. September” gegründet wurden. Bei den Wiederaufbauprojekten von Schulen, Krankenhäusern etc. arbeiten Christen, Muslime und andere sehr gut zusammen.
Die Reaktionen auf meine Anzeige waren unterschiedlicher Natur. Ich habe viel Zustimmung bekommen, aber auch viele mails mit offen rassistischer Tendenz, die über Netzwerke von Nazis geschickt wurden. Die Reaktionen waren zum Teil hoch emotional, aber das war zu erwarten. Für mich sind die Stimmen wichtiger, die sich für Versöhnung und gemeinsame Arbeit zugunsten Dritter aussprechen.

Freiheitsliebe: Ulrich wir danken dir für dieses Gespräch und wünschen dir weiterhin viel Erfolg bei deiner Arbeit und hoffen, dass sich einige deiner Ziele umsetzen lassen!

Mehr Informationen zu Ulrich Kasparick und seinen Gedanken erhält man auf seinem Blog.

  • Esumid

    Unglaublich, was Seehofer für einen braunen Dreck von sich gibt. Laut Tagesspiegel war die Anzeige von Herrn Kasparick nicht die einzige. Die “Verteidigung bis zur letzten Patrone” wurde übrigens schon einmal gefordert, und interessanterweise auch an einem 9. März – und zwar im Jahr 1945. Herzlichen Glückwunsch, Herr Seehofer! Onkel Adi ist bestimmt stolz auf Sie!

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