“Kony 2012 zeugt von Unkenntnis der ugandischen Politik!”
Gestern veröffentlichte Zeitjung ein interessantes Interview mit Oliver Stoltz. Oliver Stoltz ist ein Filmemacher, der zwischen 2002 und 2005 einen Dokumentarfilm über die Kindersoldaten in Uganda drehte. Wir bedanken uns bei Ben Krischke von Zeitjung, dass wir das Interview auf der Freiheitsliebe veröffentlichen dürfen.
Jahrelang herrschte Bürgerkrieg an der ugandischen Grenze. Zum einen als Resultat aus einem Regierungsputsch, zum anderen ging es darum, sich erdölreiche Felder zu sichern. Auf der einen Seite standen die ugandische Regierung unterstützt von den USA, auf der anderen Seite die Rebellen der Lord Resistance Army (LRA) unter Rebellenführer Joseph Kony. Seit dem offiziellen Ende des Bürgerkriegs 2007 lebt Joseph Kony mit seiner Rebellenarmee versteckt im Dschungel. Der Film „Kony 2012“, produziert von der Organisation Invisible Children unter Leitung von Jason Russel, ruft dazu auf, den Namen Joseph Kony im Netz und in der realen Welt publik zu machen, um damit die Jagd nach dem Kriegsverbrecher zu fördern und die ugandische Armee bei der Jagd auf Joseph Kony zu unterstützen.
Was bei der Kampagne auffällt ist, dass der Film nach allen Regeln der Propaganda aufgebaut ist (Symbole, emotionalisierende Musik, klares Feindbild) und eine extreme Grenze zwischen Gut und Böse gezogen wird. Deshalb hat sich ZEITjUNG mit dem Filmemacher Oliver Stoltz (Dream Joint Venture) unterhalten. Stoltz recherchierte drei Jahre und veröffentlichte gemeinsam mit Ali Samadi Ahadi 2005 den Film „Lost Children – Kindersoldaten in Uganda“, der sich der angesprochenen Thematik annimmt. Er attestiert den Filmemachern von „Kony 2012“ eine völlige Unkenntnis der ugandischen Politik, eine Naivität, die von der ugandischen Regierung und den USA schamlos ausgenutzt wird.
In eigener Sache: Das nachfolgende Interview soll die Verbrechen eines Joseph Kony keineswegs verharmlosen oder rechtfertigen. Uns geht es, wie Oliver Stoltz auch, darum aufzuzeigen, dass es immer zwei Seiten der Medaille gibt und reine Propaganda immer falsch ist.
„Kony hat sich eine krude Idenität als Heilsbringer aufgebaut“
ZEITjUNG.de: Herr Stoltz, Sie haben 2005 einen Film über den ugandischen Rebellenführer Joseph Kony gedreht. Was wussten Sie denn zuvor über diesen Menschen und was hat sich im Laufe ihrer Recherche außerdem ergeben?
Oliver Stoltz: Joseph Kony ist Anführer der LRA und die Kinder, mit denen wir gedreht haben, haben direkt mit Kony gearbeitet. Die eine war Kindermädchen, der andere sein Adjutant. Wir hatten die Möglichkeit, Kony auch zu einem Interview im Südsudan zu treffen. Davon haben wir aber abgesehen, da uns das als zu gefährlich erschien.
Was haben Ihnen diese Kinder über Kony berichtet?
Joseph Kony nutzt christliche, muslimische und stammesreligiöse Elemente, um Macht über die Menschen auszuüben. Er hat sich damit eine krude Identität aufgebaut, die ihn als Heilsbringer glorifiziert und ihm übernatürliche Kräfte zuschreibt. Das nutzte er auch um die Kinder zum Kampf zu bewegen. Außerdem hat er die Kindersoldaten mit Amphetaminen aufgeputscht und ihnen suggeriert, dass sie unverwundbar seien. Joseph Kony hat auch gesagt, dass mit seiner Macht Steine zu Granaten werden. Wenn das richtig vermittelt wird, dann glauben ihm das die Kinder auch.
Das heißt Kony gilt bei seinen Anhängern als eine Art fleischgewordene Gottheit?
Das könnte man so sagen, wenn Anhänger hier das richtige Wort wäre. Aber eigentlich sind das alles entführte Menschen, die es entweder schaffen zu fliehen, getötet werden oder über die Jahre umgedreht werden und zu Commandern avancieren. Die älteren Männer an seiner Seite betrachten ihn mit Sicherheit nicht als Gottheit.
„Es gab nicht mehr Militär zum Schutz der Bevölkerung, sondern Geisterbataillone“
Welche Hintergründe hatte der jahrelange Bürgerkrieg in Uganda?
Welche Rolle spielte Kony da?
Was ist mit den Geldern passiert?
De facto gab es gar nicht so viel Militär, sondern die sogenannten Geisterbataillone, also Soldaten die nur auf dem Papier existierten. Ein Teil des Geldes ist wohl irgendwo in der Korruption versumpft. Teil der Kampagne, die wir mit unserem Film gemacht haben, war es, dass weitere Fördermittel an Uganda nur dann eingehen dürften, wenn Uganda sich aktiv in einen Friedensprozess mit Kony begibt. Was 2007 auch letztendlich geschehen ist.
Und für wen kämpft Kony mittlerweile dann eigentlich?
Seit 2007 ist der Bürgerkrieg offiziell vorbei, Joseph Kony wurde aber unterdessen vom Internationalen Strafgerichtshof (ICC) auf Platz Eins der meistgesuchten Kriegsverbrecher positioniert, deshalb ist er untergetaucht. Also kämpft er nur noch für sich selbst und für sein Überleben.
Ist dann die Jagd nach dem Rebellenführer, wie in “Kony 2012″ gefordert, die richtige Herangehensweise?
Die Maßnahme, die im Film „Kony 2012“ propagiert wird, halte ich persönlich schlichtweg für schwachsinnig. Diese Kampagne zeugt von einem absoluten Unverständnis der Politik in Uganda. Es gibt auch zahlreiche offene Fragen. Etwa wer von dem Nichtregierungsstamm eigentlich in diese Kampagne involviert ist, auch was die Menschen in Uganda eigentlich über diese Kampagne denken. Und nicht zuletzt, wie es angehen kann, dass sich vermeintliche Heilsbringer aus den USA erdreisten ugandische Politik zu machen.
„Es ging die ganze Zeit auch darum, wer die Finger auf den Ölreserven hat“
Ich bin heute auf ein Bild gestoßen, dass die Kampagnenführer, neben der ugandischen Armee stehend, mit Panzerfäusten und Maschinenpistolen zeigt. In „Kony 2012“ gibt es eine ganz prekäre Szene, in der Kampagnenführer Jason Russel mit seinem kleinen Sohn am Tisch sitzt und ihn frägt „Who is the bad guy?“, woraufhin der Sohn auf ein Bild von Joseph Kony zeigt und sagt: „This is the bad guy“. Ist das so einfach?
Es ist überhaupt nicht so einfach, und sich da so zu assoziieren mit der ugandischen Regierung und Armee halte ich für sehr problematisch an dieser Kampagne. Ich habe mich in den ganzen Zirkeln bewegt, ich kenne die Leute, die dahinter stecken und es wird einfach ein falsches Bild suggeriert. Aber genau so funktionieren internationale Kampagnen am Besten. Und zwar in dem man eine einfache Nachricht vermittelt. In dem Fall: Joseph Kony ist der böse, die ugandische Regierung sind die Guten.
Woher mag das wohl kommen?
Ich glaube, dass diese Filmemacher sich einfach voller Naivität vor den Karren der USA und der ugandischen Regierung spannen lassen. Diese ist etwa nie für eine objektive Untersuchung der Verbrechen Joseph Konys eingestanden. Sämtliche Nachforschungen die angestellt wurden, fanden immer unter der Kontrolle der ugandischen Regierung statt. Sie war es auch, die mehr oder weniger dafür sorgte, dass der ICC Kony als gesuchten Kriegsverbrecher gelistet hat.
Sie haben eben die USA erwähnt. In „Kony 2012“ wird dem Zuschauer suggeriert, dass sich das US-amerikanische Militär erst auf Drängen der Organisation „Invisible Children“, die hinter der Produktion steht, dort unten eingemischt hat. Das wird als die Kraft der Masse verkauft.
(lacht) Das ist absoluter Schwachsinn. Das US-amerikanische Militär ist dort seit Jahren aktiv. Die saßen damals schon neben mir im Café. Südsudan ist eines der Gebiete in Afrika mit den meisten Erdölreserven. Und bei dem Konflikt ging es die ganze Zeit auch darum, wer die Finger auf den Ölreserven hat. Auf der einen Seite ein Kony, auf der anderen Seite die ugandische Armee mit den USA im Rücken. Die Unterstützung der USA war auch ein Grund für die ugandische Regierung den Konflikt mit Kony am Laufen zu halten.
Gab es auch von Seiten der deutschen Regierung ein Statement zu dem Konflikt?
Deutschland hat bereits 2006, auch als Reaktion auf unsere Kampagne, einen Beschluss gefasst, dass die ugandische Regierung Friedenszeichen setzen muss, um weiterhin Unterstützung von Deutschland zu bekommen. Damals gehörte Deutschland zu den spendabelsten Geldgebern. Es hat nicht einmal ein Jahr gedauert und dann waren diese Friedensverhandlungen abgeschlossen. Zuvor hieß es immer mit Joseph Kony könne man gar nicht verhandeln. Seit 2007 herrscht jetzt aber offiziell Frieden in Uganda. Der einzige Grund, warum Joseph Kony danach auch weiterhin abgetaucht ist, war die Entscheidung des ICC.
„In Uganda herrscht immer noch ein totalitäres System“
Kann man denn die ugandische Regierung zumindest ansatzweise als demokratisch bezeichnen?
Zumindest habe ich die Kindersoldaten der ugandischen Armee mit eigenen Augen gesehen. Da waren Kinder dabei, die vor Kony geflüchtet waren oder von der ugandischen Regierung aufgegriffen wurden und anschließend als Kindersoldaten gegen Kony in den Kampf zogen.
Herr Stoltz, wir danken Ihnen für das Interview.


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