Islam, Kapitalismus und die Rolle der Aufklärung

20. Januar 2016 - 15:16 | | Gesellschaft | 4 Kommentare
Der Schlaf der Vernunft: Francisco de Goya durchlebte Fortschritt und Konterrevolution und politische Verfolgung im Spanien des 18. Jahrhunderts. Ⓒ Wikimedia Commons
Der Schlaf der Vernunft: Francisco de Goya durchlebte Fortschritt und Konterrevolution und politische Verfolgung im Spanien des 18. Jahrhunderts. Ⓒ Wikimedia Commons

Im Mittelalter war die islamische Welt deutlich fortgeschrittener als die christliche, wie der erste Teil unseres Beitrags über Islam und Aufklärung zeigt. Ab dem Mittelalter begann sich allerdings auch Europa zu verändern, dieser Beitrag soll nun analysieren was die Ursachen waren.

Kein Fortschritt ohne Kampf

Dieselbe Frage beschäftigt spätestens seit dem „Vater“ der modernen Soziologie Max Weber (1864-1920) die sozialen Theoretiker: warum konnte sich die bürgerliche Klasse in Westeuropa durchsetzen, bzw. ist hier ihre spezifische Produktionsform, der Kapitalismus, entstanden, und nicht in den damals kulturell und technologisch fortgeschritteneren Hochkulturen Chinas oder der islamischen Welt? Nach Weber ist die Ethik des Protestantismus eine entscheidende Voraussetzung dafür gewesen. Diese zeichne sich durch die Ablehnung von Müßiggang aus, durch Bescheidenheit, Profitstreben und die Dominanz der Vernunft.

Dass eine enge Beziehung zwischen Protestantismus und der Durchsetzung der kapitalistischen Produktionsweise besteht, ist offensichtlich; seine Geburtsstätten waren protestantische Städte, wie Rotterdam oder Manchester. Und die Reformation war schließlich eine Rebellion gegen die katholische Kirche, die sich ganz und gar der Erhaltung der feudalen Ordnung verschrieben hatte.

Vor allem aber war die Reformation mehr als ein abstraktes theologisches Gebilde, wie es Weber präsentierte, sondern eine mächtige gesellschaftliche Bewegung, die religiöse, soziale und politische Forderungen verschmolz. Es war die Bewegung der neuen bürgerlichen Klasse, welche die Befreiung von den Einschränkungen durch das alte System erkämpfen musste, wenn sie nicht unterdrückt und zerschlagen werden wollte.

Chaotisches Mittelalter

Genau das war das Schicksal der aufkommenden bürgerlichen Klassen in China und der islamischen Welt. Weber liefert aber keine Erklärung dafür, warum die Ideen der Reformation solches Gehör fanden und sich durchsetzen konnten. Luthers Ideen wurden schon 100 Jahre vor ihm durch die Bewegung der Hussiten ab 1400 verbreitet, aber sie wurden niedergeschlagen. Der Unterschied lag in der Ausbreitung der Städte als Zentren einer nicht-feudalen Produktionsweise innerhalb der feudalen Gesellschaft Europas.
Im Mittelalter waren staatliche Strukturen schwach ausgebildet. Die Macht lag bei kleinen feudalen Herrschern (Adeligen und Klöstern), die am Land über Kleinbauern und Leibeigene herrschten und vor allem von landwirtschaftlicher Produktion abhingen. Zwischen ihren nur locker kontrollierten Territorien entstanden die Städte als Inseln auf denen neue Produktionsweisen ausprobiert werden konnten. Die Aufteilung des Arbeitsprozesses in immer größeren Werkstätten führte dazu, dass die Städte zu wirtschaftlichen und politischen Herausforderern des ländlichen Adels wurden. Im Jahre 1200 gab es nur ungefähr 50 Städte in Europa, um 1500 waren es schon 4.000.

Die Städter_innen überholten den Adel in Produktivität und ihre Eliten verfügten über immensen Reichtum, aber sie waren immer noch der politischen Macht des bewaffneten Adels ausgeliefert. Luther und Calvin geißelten die Gebräuche und Traditionen der katholischen Kirche, den Pomp und die Bestechlichkeit der Bischöfe und des Papstes, die in solch krassem Gegensatz zur Sparsamkeit der aufkommenden bürgerlichen Klasse stand. Die Habsburger bekämpften im Dreißigjährigen Krieg die Unabhängigkeit des protestantischen Bürgertums und dieses konnte sich nur durchsetzen, weil es in seiner Rebellion gegen den Feudalismus auch militärisch Siege erlangte. Die Unabhängigkeit der Niederlande war so ein Sieg des Bürgertums und ermöglichte die Durchsetzung der kapitalistischen Produktionsweise zur dominanten Produktionsweise.

Schwacher Staat und Fortschritt

Zusammenfassend kann man sagen, die Gedanken der Aufklärung kamen nicht zufällig in derselben Epoche zum Durchbruch, in der die alte feudale Gesellschaft Westeuropas umgestürzt wurde. Vielmehr war die Aufklärung die begleitende Theorie und Ideologie der erneuernden Bewegungen. Neue Ideen, egal wie brillant sie auch sein mögen, sind alleine niemals imstande den Gang der Welt zu verändern, sondern es braucht dazu soziale und politische Bewegungen, die einen Konflikt entscheiden können.

Warum geschah ein ähnlicher Prozess nicht in China oder in islamischen Gesellschaften? Man kann in all diesen Regionen das Entstehen von kapitalistischen Keimzonen feststellen. In China gab es schon im ersten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung Massenproduktion von Gusseisen, also gut 1400 Jahre bevor es in Europa dazu kam. In der islamischen Welt entstand fabrikähnliche Massenproduktion von Textilien, Porzellan und vielem mehr ab dem achten Jahrhundert. In beiden Gesellschaften war die Wissenschaft weit fortgeschritten, aber auch das Banken- und Kreditwesen, der Handel und vieles mehr, das wir für typisch kapitalistisch halten.

Dennoch setzte sich die kapitalistische Produktionsweise dort nicht als dominante Wirtschaftsform durch, eben weil die kapitalistische Klasse, die Unternehmer, bzw. das Bürgertum sich nicht zur dominanten gesellschaftlichen Klasse aufschwingen konnten. Der wichtigste Unterschied zu Westeuropa ist das ausgedehnte Staatswesen in China und der islamischen Welt. Europa war im Mittelalter, entstanden aus dem Chaos, das dem Zusammenbruch des Römischen Reichs folgte, bei aller Rückständigkeit eine ziemlich anarchische und damit sehr dynamische Region, in der die zentrale Staatsmacht nur beschränkt Kontrolle ausüben konnte.

Starker Zentralstaat wurde Hemmschuh

In China und der islamischen Welt dagegen war ein starker zentralisierter Staat unabdingbar für die Kontrolle der immensen Wasser- und Verkehrswege. Sowohl die Kleinbauern als auch die Händler oder der Landadel waren davon abhängig, dass Dämme instand gehalten und Kanäle ausgehoben, Schleusen zur richtigen Zeit geöffnet und geschlossen wurden. Der Kaiser oder der Kalif waren vehemente Verteidiger dieser Ordnung und Historiker finden viele Beispiele dafür, wie sie die aufkommende bürgerliche Klasse wiederholt und blutig unterdrückten.

Neue herrschende Klassen wie die Feudalherren, können anfangs Entwicklungen ermöglichen, die Fortschritt für die ganze Gesellschaft bringen. Kurz darauf werden sie, indem sie die Grundlagen für ihre Herrschaft verteidigen müssen zum Hemmnis für weiteren Fortschritt. So beschreibt Karl Marx die Gesetzmäßigkeit menschlicher Geschichte. Im Westen Europas konnte die kapitalistische Klasse in einzelnen bürgerlichen Revolutionen siegen und schließlich breiteten sie die neue Produktionsweise auf den gesamten Globus aus. Wie uns heute sehr bewusst ist, geschah das mit unfassbarer Grausamkeit, und nichts erinnert dabei an die Ideale der Aufklärung „Vernunft, Ordnung, Freiheit und Gleichheit“. Die Aufklärung hat dabei versagt, ihr Versprechen von der Befreiung des Menschen wahr zu machen, weil die bürgerlichen Revolutionen eine neue ausbeuterische Klasse an die Macht gebracht haben, die in ihrem eigenen Interesse handelt. So betrachtet ist der Vorwurf, dass die im Laufe der vergangenen 200 Jahre unterworfenen Gesellschaften, die Ideologie der Eroberer nicht mit offenen Armen angenommen haben, ziemlich unangebracht.

Dieser Beitrag wurde von Manfred Ecker, Redakteur der Linkswende verfasst, morgen erscheint der zweite Teil des Beitrags, der sich mit der mittelalterischen Entwicklung und dem Kolonialismus beschäftigt.

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