Ein Prozess und die Berichterstattung

Wie schon Jules in seinem Artikel vom heute angelaufenen Prozess in Dresden berichtet hat möchte ich mich ebenfalls diesem Thema widmen. Mich hat schon im Juli unmittelbar nach der Tat die Berichterstattung sehr gestört. Das auffälligste an der Berichterstattung war die Tatsache, dass sie fast garnicht stattfand. Schon damals habe ich mich sehr gewundert über diese „Verheimlichung“. Was war da los? Warum machten die Medien, die sich ansonsten doch so gerne und schnell auf jede klitzekleine Gewalttat von MigrantInnen stürzen, in diesem Fall keine Exklusiv-Story aus der Geschichte? Lag es womöglich daran, dass es diesmal umgekehrt war, also die Migrantin dem Deutschen zum Opfer fiel? Ich habe mich intensiv mit dem Fall beschäftigt und es erscheint mir sehr kontrovers, was zum Teil in den Nachrichten berichtet und in den Zeitschriften geschrieben wird. Wie konnte der Täter unbemerkt ein Messer in den Gerichtssaal mitnehmen? Warum stach der Täter mehr als 30 Mal auf das Opfer ein und die einzige zu Hilfe eilende Person war ihr Ehemann? Und wieso schoss ein Polizist auf Elwy Ali Okaz, den Ehemann von Marwa El-Sherbini?
Der Beamte war der Erste, der nach Marwa El-Sherbinis Ehemann zu Hilfe kam. Seiner Aussage nach hielt er Elwy Ali Okaz für den Täter. Ich habe versucht mir die Situation vor Augen zu führen. Die junge Frau wird vor den Augen ihres 3 jährigen Sohnes und ihres Ehemannes mit einem Messer attackiert. Elwy Ali Okaz versucht seiner Frau zu helfen. Wie kann es passieren, dass ein ausgebildeter Polizist in dieser Situation den Ehemann irrtümlich für den Täter hält? Eine einfache Fehlinterpretation bedingt durch die Dramatik der Situation? Oder einfach nur ein dummes Missgeschick? Ich glaube es war mehr als das. Ständig wird uns in den Medien ein Bild von MigrantInnen und Muslimen suggeriert, ein Bild von gewalttätigen und bösartigen VerbrecherInnen. Wer interessiert sich schon für die anderen, „braven“ MigrantInnen? Schlagzeilen müssen her, also wird auch jedes noch so kleine Verbrechen ausgeschlachtet bis zum geht nicht mehr.
Heute habe ich im ZDF ‘heute journal’ und in den ARD ‘tagesthemen’ mit Verwunderung die Berichte zum anlaufenden Prozess gesehen. In den ‘tagesthemen’ war die Rede vom „mutmaßlichen Täter“, so, als sei es nicht klar, dass Alex W. die Ägypterin niedergestochen hat. Noch alarmierender die Tatsache, dass in beiden Berichten, weder bei ARD noch beim ZDF, nicht einmal erwähnt wurde, dass der Ehemann El-Sharbinis von einem Polizisten angeschossen und lebensbedrohlich verletzt wurde. Auch auffällig die Wortwahl bei der Beschreibung des Täters. Mehrmals wurde dieser als „russlanddeutscher Spätaussiedler“ bezeichnet. Ganz nach dem Motto: „Lass es bloß keinen Deutschen gewesen sein, wir haben nicht solche Leute hier und wir haben auch keine Probleme mit Rassismus!“.
Wieso ist an dem Tag im Juli Elwy Ali Okaz der Einzige, der seiner Frau zu Hilfe kommt? Was ist mit den anderen Leuten im Gerichtssaal? Zivilcourage ist eine der wichtigsten Eigenschaften einer gut funktionierenden Gesellschaft. Woran liegt es, dass die Fälle immer seltener werden, in denen Unbeteiligte sich einmischen und helfen? Ich glaube einen maßgeblichen Anteil daran haben die Medien, deren Berichte bei einigen Menschen anscheinend nahezu manipulative Wirkungen haben.
Ich finde es skandalös und es erschreckt mich, wie dieser Fall in den Medien behandelt wird. Es ist der Beweis dafür, dass wir heutzutage in Deutschland doch noch nicht so weit sind wie wir immer behaupten.

Marwa El-Sherbini (Bild dpa)
  • Freiheitsliebender

    Ich kann diesem Artikel nur zustimmen und es ist einfach plump wie die deutschen Medien probieren den Täter als nicht deutsch dazustellen.
    Auch ist es nicht sachlich, wenn nicht erwähnt wird, dass der Polizist auf ihren Mann geschossen hat.

  • Anonymous

    Ehrlich gesagt kann ich eure Kritik an der Berichterstattung nicht recht nachvollziehen. In jedem artikel den ich bis jetzt gelesen habe(ard tagesschau, spiegel- und Zeit-online) wird der Fehler des Polizisten erwähnt. Die Herkunft des Mörders wird zwar meistens erwähnt jedoch wird nie darauf gepocht ihn auf keinenfall als Deutschen darzustellen.Ehrlich gesagt weiß ich auch gar nicht warum seine Herkunft so wichtig ist oder für die Tat von bedeutung. Es handelt sich um einen Geisteskranken, den es in jedem Land geben könnte, wie der Freiheitsliebende schon sagt. Eine etwas genauere Schilderung der Tat gibt es bei Spiegel.de Panorama.
    P.S. In den Tagesthemen die ich gestern gesehen habe wurde der Täter von der Sprecherin "kaltblütiger Mörder" genannt

  • Leif

    Ich habe hier nichts frei erfunden. Die Herkunft spielt sehr wohl eine Rolle, zumindest für die Medien. Ich nenne da gerne das Beispiel eines Flugzeugabsturzes – In den Nachrichten heisst es dann "unter den x Toten waren auch x Deutsche" Das hat mich schon immer gestört, sind denn die Deutschen mehr wert als die anderen?! Und ich möchte einmal auf diesen Fall verweisen, als in München ein Rentner von einem Türken und einem Griechen auf brutalste Weise attackiert wurde. Danach war in allen Medien immer nur von dem einen Täter, nämlich dem Türken zu hören. Da gab es diese endlos lange Debatte über Abschieben etc. aber von dem Griechen hat man nie was gehört.

    Jetzt bei dem Fall in Dresden versuchen die Medien scheinbar alles um den Täter nicht als Deutschen darzustellen. Warum? Meiner Meinung nach glasklar: Den Täter als "russlanddeutschen Spätaussiedler" bezeichnen, das macht ihn auch zu einem Migranten. Das heisst, es hat hier keinen Übergriff eines Deutschen gegeben – Wie schon gesagt: "Lass es bloß keinen Deutschen sein", nach dem Motto "Wir haben keine Probleme mit Rassismus, das sind die anderen!". Es gibt, wie du sagst, so Menschen in allen Ländern der Erde, es kommt nicht darauf an wo sie geboren sind und welche Hautfarbe sie haben, solche Leute laufen überall herum, ganz klar – aber dann sollen die Medien in den anderen Fällen, in denen Türken die Straftäter sind, nicht immer wieder diese ganze Debatte über alle MigrantInnen von Neuem anfangen!

  • Anonymous

    in den baden-würtembergischen Nachrichten wird auch speziell auf bden-würtembergische opfer verwiesen, das mag mit einem gewissen lokalpatriotismus zu tun haben, insgesamt ist es für das puplikum das bedient werden soll von größerem interesse, schon weil manche davon verwandte der opfer sein könnten, was bei ausländern wohl eher selten der fall ist.
    darauf zu verweisen, dass der täter in diesem fall russlanddeutscher war ist eine art selbstschutzmechnismus, man will von sich selbst ablenken, aber ich muss sagen dass die herkunft des mannes in einer darüber berichtenden ausgabe der tagesschau gar nicht erwähnt wurde, sehr wohl jedoch das es offensichtlich rechtsextreme hintergründe gegeben hat.
    was mich viel mehr schokiert hat, ist dass ein aufschrei der empörung und das wilde umherposaunen von patentlösungen zur künftigen verhinderung socher Taten seitens der großen politik und der breiten masse der bevölkerung ausgeblieben ist, die übliche "bestürzung der kanzlerin über diese unsägliche tat" ist entweder als akt der hilflosigkeit oder des desinteressen zu werten.
    was sagt uns das? uns deutschen übertriebenen nationalismus andichten zu wollen und seien das wir selbst ist die falsche herangehens weise, viel mehr ist es wohl eine langsam einsetztende aphatie is sachen mord und gerechtigkeit, welche in der deutschen bevölkerung um sich greift und dafür sorgt, das gravierende menschenverachtende verbrechen bagatellisiert werden zu sachen, über die sich der durchschnittlich BILD-leser kurz aufregt, sein bier trinkt und es hinterher schon wieder vergessen hat

  • Anonymous

    Die Argumentation des Besuchers über mir kommt etwas unpassend, da es sich um einen ganz anderen Fall dreht, als das was du schilderst

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