Die Jagd nach dem Kapital

Ich erwische mich immer wieder beim Aussprechen folgender Sätze: “Die Schere zwischen arm und reich wird immer größer” oder “Das Geldsystem ist der Keim ökonomischen Übels”. Ich bin kein Freund von Pauschalisierungen oder Verkürzungen: Unten im Text werde ich noch genauer darauf eingehen. Was wir jedoch immer wieder beim Nennen solcher Sätze auffällt, ist, dass man schnell in die linke Ecke gestellt wird, ohne sich einmal selbst die Frage nach einem für alle gerechteren System zu stellen. Ein System, was darauf ausgelegt ist, dass sich irgendwann das Geld in den Händen ganz ganz weniger befindet, kann kein System mit Zukunft sein.
Ein Hauptproblem ist, dass die Masse der Probleme so unendlich groß ist. Man kommt nicht einmal zu adäquaten Lösungsaussprachen: Die ökonomische Krise, der Welthunger, die Atomkatastrophe in Fukushima, die Prekarisierung der im Niedriglohnsektor arbeitenden Menschen, die militärischen Spannungen in den Arabischen Staaten, die dramatische Zunahme der Wasserknappheit etc. Die Liste der Weltprobleme ist ewig lang und es müssen nur wenige Katastrophen wirklich eintreffen, um eine global vernetzte Welt ins Wanken zu bringen – gar einen Flächenbrand auszulösen.
Wie könnten wir diese Probleme lösen?
Die Medien verpacken die Weltprobleme oft in kleine Formate, produzieren halbstündige Dokumentationen und verfüttern sie uns in mundgerechten Häppchen – mit Werbeunterbrechung versteht sich. Wir können viel über die aktuellen Weltprobleme nachdenken, diskutieren und nach Lösungsansätzen suchen. Eins ist jedoch klar: Es gibt eine Lösung aller Probleme, doch dürfen wir uns nicht jedem Problem einzeln widmen – wir müssen die Zusammenhänge begreifen und das Problem in der Wurzel, der Ursache, behandeln.
Ich stehe nicht für ein komplett neues System. Der Mensch muss sich nicht neu erfinden. Auch wenn das äußerst pessimistische Sprichwort “Die Geschichte lehrt uns, dass die Menschheit aus der Geschichte nichts gelernt hat” existiert, bin ich mir sicher, dass sich der Mensch sehr wohl als lernfähig bewiesen hat. Zwar leben wir in einer Gesellschaft, in einem System, das Opfer, Verlierer generiert, doch gibt es heute immerhin einen kleinen Wermutstropfen: In Deutschland muss keiner verhungern. Ein Leben in Würde ist das des Verlierers aber auch nicht.
Würde, ein angeborenes Privileg jedes Bürgers, welches laut unserem Grundgesetz unantastbar ist. Die Frage der Würde stellt sich somit nicht nur, ob sie dem Obdachlosen gebürt, sondern auch derer, die an dem Obdachlosen mit gesenktem Kopf vorbeigehen und daheim über die unsolidarische Gesellschaft fluchen.
Zusammenspiel anstatt Konkurrenz
Die Ursache vieler Probleme, Krisen und potenziellen Katastrophen sehe ich den vom System “Kapitalismus” auf den Weg gegebenen Wert “Konkurrenz”. Schlicht gesagt, wir agieren als Einzelkämpfer auf einem Markt, um unseren eigenen Nutzen zu maximieren. An dieser Stelle ist nichts verwerflich: Der Mensch an sich sucht ständig nach Anerkennung, will sich verwirklichen, um die eigene Zukunft zu sichern.
Oft heißt es, dass wir technologisch niemals so schnell vorangeschritten wären, wenn es die Konkurrenz nicht gäbe. Der Wettbewerb belebt das Geschäft – mag sein, doch was bringt mir das Wirtschaftswachstum und der monetäre Umsatzsteigerung vom Unternehmen X. Eine hypertechnologische Gesellschaft ist weder erstrebenswert, noch wollen die meisten den hohen Preis dafür nicht zahlen. Wir blenden vor lauter Zahlenwahnsinn vollkommen aus, dass Wachstumsraten uns keine Information darüber verleihen, inwieweit unsere Bedürfnisse befriedigt werden. Ein 3%iges BIP-Zuwachs beispielsweise sagt uns nur, dass nun 3% mehr Geldvolumen im Umlauf ist, das unsere Inflation weiteransteigen lässt. Das gestiegene Geldvolumen erreicht aber auch einen neuen Besitzer: In den meisten Fällen die Kapitaleigner. Diejenigen, die Immobilien oder viel Grund besitzen. Ihnen fließt das neugeschöpfte Kapital zu, das Geld der Reichen kumuliert sich.
Wir leben in Zeiten, in den wir dem Geld regelrecht hinterherlaufen. Es heißt nicht umsonst “Kapital aus einer Situation schlagen”. Mehr Geld bedeutet gleichzeitig mehr Macht und mehr Opportunitäten. Dabei vergessen wir, dass das Geld eigentlich nur als Mittel zum Zweck gedacht ist: Wir wollen bzw. wollten mit dem Einsatz von Geld primär unsere Bedürfnisse befriedigen. Da das Tauschgeschäft zwar funktionierte, sich doch in der Praxis oft sehr umständlich erwies, kam das Geld ins Spiel. Dass das Geld heute nicht mehr durch Gold gedeckt ist, und der Wert des Geldes einzig und allein auf dem Vertrauen der Konsumenten basiert, mag den meisten nicht bewusst sein, bzw. die meisten Menschen interessieren sich nicht für die genaueren geldpolitischen Zusammenhänge. Sie haben gelert sich am Markt durchzusetzten und Wettbewerber zu verdrängen.
Wir müssen uns fragen, was wir wollen
“Nach mir die Sinnflut”. Viel kann ich mit solchen Sätzen dieser Art nicht anfangen. Mir ist es völlig fremd, wie man so egoistisch und kurzsichtig denken kann. Natürlich mag es noch eine ganze Menge mehr Menschen geben, die ähnlich denken, die Eigeninteressen vor die Werte Solidarität, Frieden und Freiheit stellen. Empirisch ist es nicht belegt, ob wir Gottesbürger sind oder doch eher von den Affen abstammen, demnach “natürlich” sind. Diese Frage rein rational betrachtet leuchtet mir nur letztere Erklärung ein, welche impliziert, dass wir bestimmten Instinkten folgen, die wir durch die vielzähligen Institutionalisierungen der heutigen Gesellschaft verloren haben. Wir sind mittlerweile soweit in der Moderne angekommen, dass wir in Reichtum leben, locker 14 Milliarden Menschen täglich ernähren könnten, uns die Hände aller Völker reichen könnten, dass wir keine Kriege für Rohstoffe führen müssten. Dennoch sind all die oben genannten Probleme präsent wie nie und wer die Augen in diesen Zeiten nicht verschließt, der erkennt, dass die Kreativität der Menschen, die Zärtlichkeit und der Solidairitätssinn verloren gehen.
Revolution in den Köpfen
Auf kurz oder lang muss der Mensch – vorausgesetzt er will es – sich grundlegend in seiner Wertausrichtung ändern. In Zukunft werden sich die Probleme global zuspitzen und alles was wir garantiert nicht gebrauchen können ist der egoistisch denkende Mensch. Wir müssen uns heute schon an der Solidarität versuchen, Rassismus und Ausgrenzung keine Chance geben – nur so steht der Mensch vor einer menschlichen Zukunft.


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