Die AfD und ihre Annäherung zu Pegida |Teil 1

10. Januar 2016 - 22:33 | | Gesellschaft | 6 Kommentare
Aus die Maus für Pegida. Foto: Benny Krutschinna — hier: Düsseldorf.

AfD und Pegida – passt das zusammen? In einer dreiteiligen Reihe werde ich untersuchen inwieweit sich Pegida seit ihrer Gründung an die AfD angenähert hat. Zuerst wird ein Pegida-Überlick skizziert, ein Blick auf Pegida-Statistiken geworfen und verschiedene Mobilisierungstheorien präsentiert.  Neben Aussagen von Pegida- und AfD-Akteuren sollen auch die Programme beider Organisationen im Zeitverlauf analysiert und verglichen werden. 

Die Tatsache, dass Pegida nach über einem Jahr immer noch existiert und nach der Spaltung des Organisationsteams wieder Demonstrationsteilnehmer dazu gewinnen konnte, zeigt offensichtlich, dass Pegida keine vorübergehende Erscheinung ist.
Offenbar gibt es in Dresden und Umgebung eine nicht zu vernachlässigende Masse, die sich im Umfeld von Pegida verstanden fühlt oder zumindest diese Bewegung als Kanal für ihren politischen Unmut nutzt.
Pegida hat gezeigt: Die Bewegung elektrisiert die Demonstrationskultur in Deutschland (Brockpähler 2015) und dient als Sprachrohr und Partizipationsmöglichkeit für all jene, die sich von den Parteien des politischen Systems nicht repräsentiert fühlen.
Doch was wird aus Pegida? Radikalisiert sich die Bewegung oder kommt es womöglich zu einer Annäherung an die AfD oder gar zu einer Verschmelzung? Als das Pegida-Phänomen Politiker und Medien überraschte, wurden von Universitäten Studien zu Pegida in Auftrag gegeben. Ziel war es, ein Bild des typischen, durchschnittlichen Pegida-Demonstranten zu zeichnen. Doch Studien wie „Protestforschung am Limit – Eine soziologische Annäherung an Pegida“ oder „Wer geht warum zu Pegida-Demonstrationen“ haben gezeigt, dass Umfragen nicht sonderlich sinnvoll waren. Die Autoren der Studie „Prostestforschung am Limit“ vermuten eine „Selbstselektion“. Demonstranten mit höherer Bildung nehmen erfahrungsgemäß eher an Umfragen teil und verzerren so das Ergebnis (Daphi et al. 2015). Ferner neigen Teilnehmer mit radikalen Einstellungen dazu, nicht an Umfragen teilzunehmen. Doch zweifelsohne ist es für die Wissenschaft relevant herauszufinden, wer bei Pegida-Demonstrationen teilnimmt. Zumindest sind diese auf Umfragen basierenden Studien aufgrund der oben beschriebenen Schwächen unzureichend. Auch sind die individuellen Beweggründe, an Pegida-Demonstrationen teilzunehmen, schwer zu verallgemeinern und tragen nicht dazu bei, den erstrebten „Pegida-Überblick“ zu verschaffen.
Ich werde bei meiner Arbeit die Mikro-Ebene verlassen und mich auf die Makro-Ebene konzentrieren, um mehr über die Bewegung und ihre Nähe zur AfD herauszufinden. Dazu werde ich die veröffentlichten Pegida-Positionspapiere und Aussagen von Pegida-Organisatoren zur AfD analysieren.
Neben der Analyse von Pegida werde ich gleichermaßen die AfD unter ähnlichen Gesichtspunkten analysieren. Denn die AfD scheint eine wichtige Rolle bei der Entwicklung von Pegida einzunehmen. Parteien im Bundestag distanzierten sich geschlossen von Pegida, doch die Frage, wie mit dieser Bewegung umgegangen werden sollte, beschäftigte die Politiker und Medienvertreter weiterhin. Zudem sorgte die noch junge „Alternative für Deutschland“ für eine neue Dynamik. Programmatisch scheint es zwischen Pegida und der AfD einige Schnittpunkte zu geben, was die Wahrscheinlichkeit einer Verschmelzung beider Organisationen steigern dürfte.
In diesem Jahr 2015 kam es sowohl bei Pegida als auch bei der 2013 gegründeten politischen Partei AfD zu einer Spaltung in den eigenen Reihen. Anhand dieser beiden Spaltungen lässt sich ein Vorher- und Nachher-Vergleich anstellen.
Wie verhielten sich die Akteure der AfD gegenüber der Pegida-Bewegung vor und nach der Spaltung? Und: Wie äußerten sich Pegida-Organisatoren zu der inhaltlichen Ausrichtung Pegidas und der AfD?
Eine Gemeinsamkeit der jeweiligen Spaltungen von Pegida und AfD scheint die Mobilisierung von Pegida und auch die Radikalisierung intensiviert zu haben. Denn nach dem Machtkampf bei der Alternative für Deutschland und dem Zurücktreten von Kathrin Oertel bei Pegida wurde dem politisch radikaleren Flügel das Feld überlassen. Erst verlor Pegida im Januar 2015 mit Kathrin Oertel und ihren „gemäßigteren“ Anhängern den liberalen Teil der Bewegung. Und dann kam es im Juli 2015 bei der AfD zu einer Ablösung des wirtschaftsliberalen Parteivorsitzes Luckes. Diese beiden Spaltungen werden Auswirkungen auf Pegida haben – ich werde sie im weiteren Textverlauf herausstellen.
So werde ich mich in dieser Arbeit zum einen hauptsächlich auf die Beziehung zwischen der AfD und Pegida konzentrieren und die zentrale Frage stellen: Ist eine Annäherung zwischen Pegida und der AfD zu beobachten? Eine Analyse von Aussagen der Pegida-Führungspersonen zur AfD sollen hier Auskunft über eine mögliche wachsende Nähe zur AfD geben.
Zum anderen werde ich die Radikalisierung der Pegida-Bewegung analysieren. An dieser Stelle sollen Pegida-Positionspapiere vor und nach der inneren Spaltung verglichen werden.
Ich werde meine Arbeit folgendermaßen aufbauen: Am Anfang werde ich darauf eingehen, warum Bürger überhaupt an Demonstrationen teilnehmen. Mobilisierungs- und Ressourcentheorien werden beispielhaft beschrieben und in Verbindung zur Pegida-Bewegung gebracht. Im Anschluss werde ich den Nutzen des sozialen Netzwerks „Facebook“ für Pegida untersuchen, da ich erwarte, dass Facebook für den Erfolg von Pegida essenziell war.
Im Analysepart dieser Arbeit werde ich die Organisationen Pegida und AfD auf ihre Nähe und Radikalisierung untersuchen. Am Ende der Arbeit sollen die Ergebnisse zusammengetragen und die zentrale, eingangs gestellte Frage beantwortet werden.

Pegida – Der Anfang und Überblick
Die Bewegung „Pegida“ erlebte am 20.Oktober 2014 ihren Startschuss. An diesem Tag fand die erste Pegida-Demonstration statt. Das Kürzel Pegida steht hierbei für die selbstgewählte Bezeichnung der Gruppierung „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“. Ca. 300 Menschen fanden sich auf dem Platz vor der Semperoper in Dresden ein, um gegen „Glaubenskriege auf deutschem Boden“ ein Zeichen zu setzen.
An den folgenden Montagsdemonstrationen erhöhte sich die Zahl der Demonstranten, die an den sogenannten „Abendspaziergängen“ teilnahmen, deutlich. Eine Woche nach der ersten Pegida-Demonstration (27. Oktober) nahmen 500 Demonstranten teil, in der Folgewoche verdoppelte sich die Zahl der Teilnehmer auf 1000. Am 10. November 2014 versammelten sich bereits über 1700 Menschen auf dem Platz zwischen Semperoper und Elbe (Geiges 2015).
Das schnelle Teilnehmerwachstum setzte sich auch an den restlichen Montagen im November und Dezember fort. Den Höhepunkt und auch gleichzeitigen Wendepunkt markierte der 12. Januar 2015. An diesem Tag spazierten 25.000 Menschen mit den Pegida-Organisatoren durch die Dresdner Innenstadt. Am 19. Januar wurde die Pegida-Demonstration aufgrund von Anschlaghinweisen verboten. Das Demonstrationsverbot wurde nicht nur von Pegida-Anhängern kritisiert. Doch eine mobilisierende Trotzreaktion kann nicht verbreitet werden, da in diesen Tagen das Hackerkollektiv „Anonymous“ private Facebook-Posts von Lutz Bachmann veröffentlichte. In den „gehackten“, nicht öffentlichen Facebook-Posts bezeichnete Lutz Bachmann Flüchtlinge als „Dreckspack“ und „Viehzeug“ (Kämper 2015). Bei einem weiteren Post-Leak von „Anonymous“ bekam die breite Öffentlichkeit Zugang zu einem Bild von Lutz Bachmann im Hitler-Look. Die zahlreichen „Leaks“ führten allerdings nicht dazu, dass der Pegida-Vereinsvorsitzende zurücktrat.
Bachmanns Klammern an der Vereinsführung hatte im Gegenzug zur Folge, dass Kathrin Oertel, Mitglied des zwölfköpfigen Organisationsteams, Pegida den Rücken kehrte. Mit dem Austreten von Oertel, die zu diesem Zeitpunkt Schatzmeisterin und Pressesprecherin war, kam es zu einer Spaltung Pegdias. Mit ihr verließen fünf weitere Organisatoren das Team. Am 9. Februar, dem Tag der ersten Pegida-Demonstration nach der Spaltung, nahmen schließlich deutlich weniger Menschen teil als noch vor der Spaltung. Lediglich 2.000 Menschen versammeln sich an diesem Tag auf dem historischen Semperoper-Platz.
Ein grober Blick auf die Umfragenergebnisse der Pegida-Studien soll dennoch geworfen werden. Schaut man sich Statistiken über die Pegida-Demonstranten an, mag man über ihren durchschnittlichen Bildungsgrad und ihr Einkommen überrascht sein. Die stärkste Kategorie in puncto „Höchster Bildungsabschluss“ ist mit Abstand der „Universitätsabschluss / Fachhochschulabschluss“. Fast die Hälfte der Befragten(49,6%) verdient mindestens 2.000€ netto im Monat. Eine klare Mehrheit von 70,2 % ist konfessionslos (Geiges 2015). Zudem fällt die Wichtigkeit auf, die die Demonstranten „Recht und Ordnung“ und „nationale Interessen“ beimessen. Bei einer Umfrage, wonach Pegida-Demonstranten ihre wichtigsten Themen im gesellschaftlich-politischen System benennen sollten, nannte die Mehrheit (65,4%) „Recht und Ordnung“ und ebenfalls eine knappe Mehrheit (51,2%) „nationale Interessen“ als wichtigste Punkte.
Wirft man einen Blick auf die Wahl-Umfragen der Pegida-Demonstranten, so fällt eine hohe Wahlbeteiligung auf. Dem Pegida-Report zufolge gaben Pegida-Demonstranten bei den Bundestagswahlen 2013 83% eine Stimme ab (Patzelt 2015). Die Wahlbeteiligung bei der Bundestagswahlen lag mit zehn Prozentpunkten weniger bei knapp 73%.
Laut den zu Grunde liegenden Daten demonstriert in Dresden also keineswegs der medial oft skizzierte ungebildete Geringverdiener, sondern eher der nationalistisch eingestellte, recht gut gebildete, politisch aktive Mittelstand. An dieser Stelle muss allerdings angemerkt werden, dass die Ergebnisse der Umfragen unter Umständen durch die fehlenden Antworten stark verzerrt sind. Dennoch zeigen diese Daten eine ungefähres Bild der Pegida-Demonstranten.

Warum wird demonstriert?
Bevor ich einen Blick auf die Pegida-Bewegung werfe und ihre Nähe zur AfD analysiere, ergibt es Sinn, sich zuerst einmal mit der Frage zu beschäftigen, warum Menschen überhaupt an Demonstrationen teilnehmen. Was treibt die Menschen an, die Bewegung über die sozialen Netzwerke hinaus aktiv auf der Straße zu unterstützen?
Mit dieser Frage, welche Faktoren dazu führen, dass Menschen an Demonstrationen teilnehmen, beschäftigen sich Wissenschaftler seit Jahrzehnten. Die Hauptproblematik liegt in der Dynamik: Variablen können sich im Zeitverlauf entwickeln oder ihren Kontext verändern. Darüber hinaus besteht das Problem der Multikollinearität (Ellemers et al., 1999: 3).
Trotz der genannten Schwierigkeiten haben sich in den letzten Jahren bestimmte Theorien und „Mobilisierungsvariabeln“ durchgesetzt. Der renommierte Peter K. Eisinger beispielsweise hat den Terminus „The Structure of Political Opportunities“ geprägt. Darunter sind eine Reihe von Faktoren zu verstehen, welche einen sozialen Protest wahrscheinlicher machen. Demzufolge spielen folgende Aspekte eine Rolle: Das individuelle, verankerte Gefühl der ungerechten Behandlung, die Gruppenorganisation, die Verfügbarkeit von Ressourcen und die zugrundeliegende sozioökonomische Veränderung (Eisinger 1973).

Die „Grievances Theory“
Eine Theorie, die in den Sozialwissenschaften weit verbreitet ist und oft als eine Erklärung für die Mobilisierung von Demonstranten genannt wird, ist die „Grievances Theory“. Dieser Theorie zufolge muss der potenzielle Demonstrant ein Gefühl des Missstandes, der Ungerechtigkeit, in sich tragen.
Solche „Grievances Theories“ wurden allerdings in den Siebziger Jahren von Wissenschaftlern scharf kritisiert. Das Argument der kritischen Wissenschaftler war schlicht: Das alleinige Gefühl des Missstandes und der Ungerechtigkeit reicht allein nicht aus, dass diese Menschen auf den Straßen gehen, um für ihre Rechte zu kämpfen (van Stekelenburg/Klander-mans 2013).
Da anhand von Grievance-Theories nur eine Voraussetzung der potenziellen Demonstrationsteilnehmer geklärt werden und nicht herausgefunden werden konnte, warum Bewegungen entstehen, kann diese Theorie nie allein die Entstehung einer Bewegung ergründen. Dennoch sollen hier relevante Mobilisierungstheorien, die auf den „Fall Pegida“ zutreffen können, angerissen werden. Die Wissenschaftler David A. Snow und Sarah A. Soule beispielsweise unterscheiden in ihrem Buch „A Primer on Social Movements“ zwischen „Individual Grievance“ (Alltagsmissstandgefühl) und „Mobilizing Grievances“(Missstandsgefühl, welches zur Mobilisierung beiträgt). „Individual Grievances“ können hierbei zum Beispiel Unzufriedenheit mit dem Vorgesetzten/Arbeitgeber sein. Das Gefühl, ungerecht behandelt zu werden, ist in der modernen Welt zweifellos allgegenwärtig geworden. Im Alltag gibt es unzählige Situationen, in denen sich Menschen – unter anderem auch längerfristig – ungerecht behandelt fühlen: Doch welche Art von „Grievances“ begünstigen das Entstehen von sozialen Bewegungen (Snow/Soule 2010)? Die Autoren Snow und Soule können diese Frage nicht abschließend beantworten. Im Vorfeld der Entstehung einer sozialen

Bewegung zu bestimmen, welche Art von „Grievances“ dazu beitragen oder diese gar auslösen, ist nahezu unmöglich.
In Bezug auf den „Fall Pegida“ kommt die Theorie der psychologischen „Grievances“ in Betracht. Snow & Soule erklären im Abschnitt „Grievances as a function of Social Psychological Factors“, dass der Prozess der Unmutsäußerung von Demonstranten mit dem Hydraulikdruck einer Dampfmaschine zu vergleichen ist. Die Frustration steigt so lange an, bis ein Grenzwert erreicht ist und diese Frustration letztlich freigesetzt werden muss. Die Frustration wird auf die Straße gebracht. Werner Patzelt schreibt in seiner Studie über Pegida ebenfalls von der Frustration und Unzufriedenheit der Demonstranten. Weiterhin schreibt er, dass Unzufriedenheit mit der Demokratie, wie sie in Deutschland funktioniert, ein höchst wichtiger Demonstrationsgrund sei. Diese Unzufriedenheit drücke sich in den drei häufigsten Parolen während der Kundgebungen aus: „Volksverräter“ (gegen die politische Klasse gerichtet), „Lügenpresse“ (gegen die Medien gerichtet), und „Wir sind das Volk“ (auf „die richtige Demokratie“ hinweisend) (Patzelt et. al 2015). Eine gewisse Frustration der Pegida-Demonstranten spiegelt sich auch in den Wahl-Statistiken der Pegida-Demonstranten wider. Einer Umfrage zufolge gaben 47,3% jener, die eine Antwort nicht verweigerten, an, dass sie bei den letzten Bundestagswahlen die AfD gewählt hätten. Dies kann auch als Indiz für die Unzufriedenheit/Frustration mit den im Bundestag vertretenden Parteien gewertet werden.
Eine weiterer Ansatz ist die „Relative Deprivation Theory“. Vergleicht ein Akteur seine Situation mit dem Durchschnitt/Standard, so kann das individuelle Gefühl, benachteiligt zu sein, aufkommen. Der Vergleich, der vom Akteur gezogen wird, kann sich dabei laut Robert Folger auch auf die Vergangenheit oder eine Situation eines anderen Akteurs beziehen (Folger 1986). Wichtig dabei ist: Wenn der Akteur bei der Bewertung des Vergleichs realisiert, dass er nicht das bekommt, was er meint zu verdienen, so kann hier von „Relative Deprivation“ gesprochen werden.
Bei Pegida-Kundgebungen wird von eben solchen relativen Vergleichen Gebrauch gemacht. Am 22. Dezember 2014 beispielsweise fragen Pegida-Redner, woher das ganze Geld für „Asylanten“ komm“niedrig entlohnten Arbeiter“ oder „armen Pensionär“ und den Asylsuchenden, denen in ihren Augen ungerechterweise finanziell großzügig geholfen wird.

Ressourcen & Political Opportunity
Die Wissenschaftler McCarthy und Zald gingen Ende der Siebziger Jahre einen Schritt weiter als die populären Vertreter der „Grievances Theories“ und untersuchten soziale Bewegungen unter dem Aspekt der unverzichtbaren Ressourcen. Sie stellten bei ihren Untersuchungen fest, dass neben den wichtigen Ressourcen „Arbeit“ und „Geld“ die Konstanz – ausgedrückt als Resource Flow – eine hohe Bedeutung hat. Als unterstützende Belege für diesen Befund zählen die Autoren McCarthy und Zald Studien zu den revolutionären Bolschewiken und der Beteiligung der vietnamesischen Bauern beim Vietnamkrieg (1965-1973) (McCarthy/Zald 1977).
Der resource flow der Pegida-Bewegung besteht aus folgenden Standbeinen: Zum einen ist die Bewegung Pegida seit dem 19. Dezember 2014 ein eingetragener Verein und macht es für Geldspender möglich, diese Spenden steuerlich abzusetzen. So finanzierte der Pegida-Verein mit 25.000€ den Oberbürgermeister-Wahlkampf von der Pegida-nahen Tatiana Festerling (Schenk 2015). Auch wurde in Pegida-Werbematerial investiert. Zum anderen hat das soziale Netzwerk „Facebook“ eine hohe Bedeutung für Pegida. Facebook dient nicht nur als Informationskanal oder der Stärkung der „kollektiven Identität“, sondern auch als Mobilisierungswerkzeug. Im nächsten Abschnitt werde ich genauer darauf eingehen.
Abgesehen vom „resource flow“ und „Grievances Theories“ entwickelte sich die Forschung weg von der Frage „warum“ entstehen Bewegungen zu „wie“ entstehen Bewegungen. Die „Grievances-Theories“ verloren an Bedeutung. Die Inhalte der „Political Opportunity“-Forschung wurden ausgedehnt. Nicht nur das Gefühl der ungerechten Behandlung und die Menge der Ressourcen wie „Arbeit“ oder „Geld“ haben demnach Auswirkungen auf das Protestverhalten der Bürger und Bürgerinnen. Wie einige Studien zeigen, korreliert die individuelle Erfolgserwartung eines Protests stark mit der eigenen Beteiligung an einer Demonstration (Van Zomeren et al., 2008).
Hierbei hat auch die „politisierte Identität“ eine Bedeutung. Eine soziale Bewegung kann viele Ressourcen besitzen, doch ohne eine eigene Identität wird die Bewegung es schwer haben, langfristig erfolgreich zu sein. Laut Stekelenburg müssen sich kollektive Identitäten politisieren, um zum Motor der kollektiven Handlung zu werden.
Stekelenburg beschreibt diesen Prozess in vier Schritten: In der Regel beginne die Politisierung mit dem Bewusstwerden der geteilten Ungerechtigkeitsgefühle. Im nächsten Schritt der Politisierung würde ein externer Gegner für die missliche Lage verantwortlich gemacht. Im dritten Schritt würden Forderungen an die politischen Gegner gestellt. Solange den Forderungen nicht nachgekommen würde, wird der Protest gegen den Gegner fortgesetzt (Stekelenburg 2013).
Hinsichtlich der politisierten Identität schreibt Polletta, dass sie bei ihren Studien folgendes beobachten konnte: Die Politisierungen der Identitäten haben zur Folge, dass sich die ganze Bewegung als Kollektiv politisiert. In diesem Zusammenhang lässt sich bei Pegida Ähnliches beobachten. Die montaglichen Abendspaziergänge, die vorgelagerten Kundgebungen und Aktionen sowie Veranstaltungen zum „gemeinsamen Weihnachtsliedersingen“ auf dem Platz vor der Semperoper schafften ein Gefühl der kollektiven Identität (FOCUS Online 2015). Eine weitere Handlung der Pegida-Führung, um die kollektive Identität zu stärken: Als Pegida in der Kritik stand, mit ihren Montagsdemonstrationen den Einzelhändlern das Weihnachtsgeschäft zu verderben, wurden von den Organisatoren Informationsblätter an die Demonstranten ausgeteilt. Diese Informationsblätter wurden bei Einkäufen von den Demonstranten an der Kasse abgegeben. In dem Dokument bekannten sich die Einkäufer zu Pegida und machten deutlich, dass sie bewusst den Dresdner Einzelhandel stärken wollten, anstatt beispielsweise in Online-Shops einzukaufen.
Simon und Klandermans fügen beim Thema der „politischen Identität“ hinzu: Wenn in dieser Phase des
Protests die Bewegung um noch mehr externe Beteiligte (bspw. die Öffentlichkeit) buhlt, so werden die einzelnen Identitäten weiter politisiert (Simon and Klandermans, 2001). Dies könnte auch in Teilen den konstanten Erfolg von Pegida erklären.

Einfluss Sozialer Medien auf Mobilisierung
Wissenschaftler, die die klassischer Mobilisierungstheorien vertreten, beobachten seit einigen Jahren ein neues Phänomen: Mit dem Aufkommen der sozialen Medien stellte sich in der Wissenschaft die Frage, inwieweit digitale Netzwerke Auswirkungen auf die Mobilisierung von Demonstranten haben. Einerseits wird davon gesprochen, dass die sozialen Medien keine oder kaum Auswirkungen auf die Mobilisierung haben. Als Grund wird herangeführt, dass Demonstranten vor allen Dingen Freunde oder Bekannte in ihrem direkten Umkreis mobilisieren. Menschen mit einem höheren Bildungsstatus befinden sich meist in einem sozialen Netzwerk, bei dem die anderen Akteure einen ähnlichen sozialen Status besitzen (Diani 2000). Andererseits sei ein großer Unterschied zwischen Offline- und Online-Netzwerken, dass in der „Offline-Welt“ die Informationen wesentlich langsamer an andere Akteure weitergegeben werden als in der „Online-Welt“. Ein weiterer Unterschied zwischen „Offline-Welt“ und „Online-Welt“, der nicht unerwähnt blieben soll: In Sozialen Netzwerken ist es gegenüber der „Offline-Welt“ möglich, mit einer Botschaft alle mit einem verbundenen Akteuren zeitgleich zu erreichen. Hier können Freunde, Bekannte, Arbeitskollegen, Genossen oder Vereinsmitglieder erreicht werden.
Um hier einen Vergleich zu anderen Bewegungen zu ziehen, lohnt sich ein Blick auf die Geschehnisse in Ägypten während des Arabischen Frühlings 2011. Hier zeigen Studien, dass sich durch die sozialen Netzwerke wie Facebook die Dynamik der Demonstrantenmobilisierung stark verändert hat. Nahed Eltantawy und Julie B. Wiest merken in ihrer Studie von 2011 an, dass sie den weiter oben von mir angesprochenen Effekt ebenfalls feststellen. Die sozialen Medien haben den Mobilisierungs- und Informationsprozess beschleunigt. Zugleich erhöhten die neu geschaffenen Online-Netzwerke die Interaktivität. Es wurde eine Plattform geschaffen, auf der sowohl in Ägypten lebende Aktivisten als auch im Ausland lebende Ägypter sich verbinden und engagieren konnten (Eltantawy, Wiest 2011).
Die partizipierenden Akteure waren nun nicht mehr auf ihre Freundes-Netzwerke beschränkt, sondern konnten beispielsweise in Facebook-Gruppen potenziell mit jedem Demonstrationssympathisanten direkt in Kontakt treten und Informationen austauschen.
Schauen wir auf Pegida. Man darf die revolutionären Ägypter von 2011 in ihrer Ausrichtung und ihren Zielen sicher nicht mit den Pegida-Demonstranten von 2014/2015 vergleichen, doch in Bezug auf die Nutzung von Facebook lassen sich einige Parallelen erkennen. So verzichtet Pegida beispielsweise auf eine eigene Homepage und den Kurznachrichtendienst Twitter (ein einziger Pegida-Account mit lediglich 900 „Followern“ ist zu vernachlässigen).
Im einem „Pegida-Report“ untersuchte ein Zusammenschluss verschiedener Wissenschaftler die Bedeutung von Facebook für die Pegida-Anhänger (Daphi et al. 2015). Dabei wurden die Demonstranten gefragt, welche Informationswege für ihre Beteiligung an Pegida die größte Rolle gespielt haben. Aus einer vorgegebenen Liste sollten die Befragten die drei wichtigsten Informationswege angeben. Hier gab zwar die Mehrheit, fast 80% der Befragten, an, dass direkte Kontakte zu anderen entscheidend waren. Doch die Bedeutung von sozialen Netzwerken wie Facebook war für über 60% der Befragten einer der Hauptgründe, warum sie an Pegida-Demonstrationen teilnahmen. Immerhin mehr als ein Fünftel der Befragten setzte sie in der Priorität ganz nach oben (Daphi et al. 2015).
Pegida setzt voll und ganz auf das soziale Netzwerk Facebook. Die Pegida-Organisatoren wissen wohl um den hohen Nutzen des sozialen Mediums: Über diesen Kanal decken die Organisatoren ihre gesamte Kommunikation ab. Es werden Bilder mit Informationen zu der nächsten Montagsdemonstration erstellt. Bei der Titelwahl wird auf eine kämpferische, emotionale Sprache Wert gelegt. Am 30. Oktober 2015 wurde mit dem Titel „Jetzt erst recht“ auf die Montagsdemonstration am 2. November hingewiesen (das Bild wurde 190 mal geteilt).
Pegida nutzt seine Facebook-Seite auch für Veröffentlichungen von Videos: Ein beispielsweise am 21. Juni 2015 veröffentlichtes pathetisches Video(Pegida Video 2015) wird von den Pegida-Anhängern auf Facebook gut aufgenommen. Im Video selbst sieht man, wie Pegida-Demonstranten zu einer dramatisch-pathetischen Musik eine Brücke passieren. Im Video werden Sätze eingefügt wie „Wir wurden belogen…Man hat uns beschimpft…Sie haben uns ignoriert…Doch wir sind immer noch da…Denn wir sind gekommen um zu bleiben…für unser Land…für unsere Kultur…für unsere
Kinder“. Dieses Video wurde 3524 Mal geteilt und 178.844 Mal angeklickt (Stand 7.11.2015).
Die Macher des Videos sind sich offenbar bewusst, dass emotionale Inhalte bei Facebook besonders oft beliebt sind und öfters geteilt werden. So wurde mit diesem oft gesehenen Video innerhalb der Pegida-Bewegung das „Wir-Gefühl“ gestärkt. Es scheint, dass Pegida mit einer Öffentlichkeitsarbeit wie dieser dazu beiträgt, die Basis der Bewegung zusammenzuhalten.
Die Kommunikationskanäle sind bei Pegida sehr beschränkt, doch Erfolgslosigkeit kann man Pegida bezüglich ihres Kommunikationskanals nicht vorwerfen. Pegida ist in dem sozialen Netzwerk Facebook sehr erfolgreich. So konnte Pegida in den ersten vier Monaten 155.000 „Fans“ gewinnen (Hurtz 2015). Allerdings wuchs die Zahl der „Fans“ seit Ende Januar 2015 nur noch langsam. Am 17. März, als Pegida ~159.600 Facebook-Fans zählte, sagte der Social-Media-Experte und Kommunikationsberater Martin Fuchs in einem Interview mit dem MDR, dass Pegida seinen Höhepunkt in diesen Tagen erreicht hätte. Fuchs begründet seine These damit, dass Pegida mittlerweile den Anteil der Facebook-Nutzer erreicht hätte, die deren Thesen zustimmen. Da die Medien und Politik die „Pegida-Themen“ aufgenommen hätten, würden einige potenzielle Fans keinen großen Nutzen in einem Engagement für Pegida sehen. Zu guter Letzt führe auch die öffentliche Ächtung von Pegida zu einer Abschreckung von „Mitläufern“ (Fuchs 2015). Die Spaltung Pegidas, bei welcher der radikalere Flügel gewann, und die Berichterstattung über die Hetz-Posts von Bachmann haben in diesem Zusammenhang sicherlich zur Ächtung Pegidas beigetragen.
Bemerkenswert ist allerdings die Tatsache, dass es nach der Bild-Veröffentlichung, auf welcher Lutz Bachmann sich im Hitler-Look zeigt, nicht zu einem Stagnieren des „Fan-Zuwachses“ kam (Biermann 2015).
Abschließend kann man heute (Stand November 2015), acht Monate nach der Aufstellung der „Facebook-Zenit-These“, sagen, dass Fuchs zum großen Teil Recht behalten hat. Das Wachstum stagnierte zwar nicht, doch der Zuwachs neuer „Fans“ auf Facebook fällt seit Ende Januar deutlich geringer aus. So konnte die Zahl der Pegida-Fans auf Facebook von 155.000 Ende Januar auf 179.000 (Stand 09.11.2015) erhöht werden. Dies entspricht einem „Fan-Zuwachs“ von 15,48% in acht Monaten.

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Teil 2 erschien am 17.01.2016

Über den Autor

Toby Leo beschäftigt sich leidenschaftlich mit bewegten Bildern(Freiheitsliebe-TV). Sonst schreibt er gern über die Themen Drogenpolitik & Umwelt/Nachhaltigkeit
Ihr findet mich auf: Twitter Facebook

6 Kommentare

  • 1
    Gregor sagt:

    ES kann sein,daß die Fangemeinde nur 15,48 % Zuwachs innerhalb von 8 Monaten erzielt und somit lt. Suggestion des Autors doch recht klein blieb,aber welche Organisation oder Altparteien haben solch einen Zuwachs erzielt?

  • 2
    Tony sagt:

    Da läuft ein marodierender Vergewaltigungsflashmob durch die Straßen von Deutschland und PEGIDA und AFD ist das wahre Problem???? Holt Euch Waffen und Vorräte Bürgerkrieg is coming…

    • 2.1
      Nj sagt:

      Ich sehe mehr einen marodierenden Nazi Mob, der durch Deutschland zieht und Flüchtlingsheime abfackelt und Migranten angreift. Aber das weißt du ja, du Depp…

  • 3
    hhaien sagt:

    Ich finde, das auch geprüft werden müßte – sofern das überhaupt möglich ist – ob PEGIDA, AfD & Co. in der Leitung überhaupt noch selbstbestimmt ist. Gerade bei einer möglichen Radikalisierung sollte das von Bedeutung sein. Hintergrund: Es ist ja inzwischen bekannt, das die NPD Leitungen von Agenten (ich halte die Bezeichnung zutreffender als Inoffizielle Mitarbeiter oder ähnliche) des Verfassungsschutzes stark durchsetzt war, so das man sich fragen kann, ob nicht der Verfassungsschutz für diese Parteipolitik wesentlicher zuständig war und ist.
    Auch PEGIDA möchten manche Politiker verboten sehen und fordern eine Überwachung, wegen angeblicher Nähe zur NPD – hatte ich vor einiger Zeit mal gelesen. Es wäre somit nicht unwahrscheinlich, wenn die Inlandsgeheimdienste da inzwischen auch mitmischen um eine Radikalisierung der Bewegung zu versuchen. Sei es auch nur durch Teilnahme an Demos um diese durch gewalttätige Aktionen in die rechte Ecke ziehen zu können. Ab und zu kommt es ja zu Enttarnungen, zumindest bei anderen Veranstaltungen kam das gelegentlich vor.

    Selbst wenn eine Fremdsteuerung bisher nicht zu beweisen wäre, sollte man diese Möglichkeit doch bei einer Untersuchung doch nicht ganz vernachlässigen.

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    […] Reihe untersuche ich inwieweit sich Pegida seit ihrer Gründung an die AfD angenähert hat. Im ersten Teil skizzierte ich einen Pegida-Überblick und präsentierte verschiedene Mobilisierungstheorien. Im zweiten Teil ging es konkret um die […]

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    […] Reihe untersuche ich inwieweit sich Pegida seit ihrer Gründung an die AfD angenähert hat. Im ersten Teil skizzierte ich einen Pegida-Überblick und präsentierte verschiedene Mobilisierungstheorien. Im zweiten Teil geht es konkret um die […]