Hochschule im Kapitalismus – Ein Gespräch mit Nicole Gohlke

Nicole Gohlke

Als Onlinemagazin von Jugendlichen interessieren wir uns natürlich für Bildungspolitik und die Probleme, die es im Bildungssektor gibt.
Aus diesem Grund haben wir mit der hochschulpolitischen Sprecherin der LINKEN. im Bundestag, Nicole Gohlke,  über die Probleme an den Hochschulen und die Erfolge der Bildungsstreiks gesprochen.

Die Freiheitsliebe: Dieses Jahr haben so viele junge Menschen begonnen zu studieren wie seit langem nicht, die Folge davon sind Auslagerung und höhere Selektierung. Wie kann man die negativen Begleiterscheinungen dieser positiven Entwicklung abbauen?
Nicole Gohlke: Ich würde sagen, dass diese Situation politisch gewollt ist. Das Problem ist eine seit Jahrzehnten währende chronische Unterfinanzierung des Bildungssektors. Es wird immer gesagt, dass es gewünscht sei, wenn mehr Menschen hohe Bildungsabschlüsse machen. Trotzdem wurde bisher wenig dafür getan um sich adäquat auf diese steigende Zahl von Studierenden vorzubereiten. Dass die doppelten Abiturjahrgänge 2011, 2012 und 2013 für mehr Studierende sorgen werden, war ebenfalls bekannt. Man hatte Jahre Zeit, auf diese Situation zu reagieren. Das dennoch nur äußerst unzureichend gehandelt wird, ist meiner Ansicht nach politisches Kalkül. Es ist nicht gewollt, dass jeder an die Hochschule kommt und gute Bedingungen vorfindet. Gewollt ist die Unterscheidung zwischen jenen, die in Führungspositionen sollen und jenen, die akademische Fachkräfte sein sollen, aber auch nicht mehr. Diese Selektivität wurde durch den Bologna-Prozess gestärkt. In den letzten Jahren ging es deswegen auch immer stärker in Richtung von Privatisierungen, da der Staat sich immer mehr aus der öffentlichen Finanzierung zurückzieht. Bei steigenden Studierendenzahlen bedeutet diese Unterfinanzierung zwangsläufig eine schlechtere Situation für alle.
Die Freiheitsliebe: Welche Möglichkeit gibt es denn aus der Politik gegen diese Tendenzen vorzugehen? Alle Parteien sagen ihnen würde die Bildung am Herzen liegen.
Nicole Gohlke: Von vielen Seiten kommen Lippenbekenntnisse zur Bildung – es verbergen sich aber verschiedene Interessen dahinter. Schwarz-Gelb geht es vor allem darum, dass einige wenige – die Elite – unter perfekten Bedingungen studieren und forschen kann, um den Standort Deutschland zu stärken. Schwarz-Gelb nennt das dann “Bildungsrepublik” , was aber gar nichts mit Idealen wie “freie Bildung für alle” zu tun hat.  Bewegung und Veränderung in diesem Bereich muss aus meiner Sicht von den Studierenden und den Lehrenden ausgehen, da sie einschätzen können unter welchen Bedingungen sie lernen und lehren. Es ist wichtig, dass das nochmal und nachdrücklich formuliert wird, wie es auch in den letzten Jahren geschehen ist. Die Bildungsstreiks 2005 und 2009 haben viel verändert: so wurden Studiengebühren abgeschafft und ein wenig mehr Geld in die Bildung gesteckt, wenn auch immer noch total unzureichend. Diese Proteste müssten weiter gehen.
Die Freiheitsliebe: Viele Studierende erkennen ihre Situation und sehen die Probleme, trotzdem fehlt bei vielen das Bewusstsein, dass man wirklich etwas verändern kann. Wie kann man dieses Bewusstsein schaffen?

Nicole Gohlke: Gerade das Jahr 2011 war eigentlich ein Ausnahmejahr, da sich an Widerstand und Protestkultur – im weltweiten Maßstab – so viel entwickelt hat, wie Jahrzehntelang  nicht. Ich glaube die Proteste weltweit haben sich gegenseitig inspiriert und dafür gesorgt, dass sie größer werden. Die Empörten in Spanien waren ganz stark geprägt von dem arabischen Frühling, also von den Revolten in Ägypten und Tunesien. Die Occupy-Wallstreet-Bewegung hat viele Ideen von den Protesten in Griechenland und Spanien übernommen. Das ist erstmal eine verbesserte Ausgangslage als die letzten Jahre. Vor dem 15. Januar in Ägypten hat sich keiner vorstellen können, dass in der arabischen Welt eine Revolution beginnt und der Duktus war, dass die arabische/ muslimische  Bevölkerung überhaupt kein Interesse an Verbesserung und Demokratie haben. Das war natürlich eine dramatische (und auch in Teilen rassistische) Fehleinschätzung, gegen die ich mich auch immer gewehrt habe. Nun findet man dort selbstbewusste und starke Demokratiebewegungen.

In Deutschland sagen jetzt viele: “Überall funktioniert es, nur in Deutschland nicht.” Dann werden irgendwelche Erklärungsmuster herangezogen wie “die Deutschen haben noch nie gekämpft” oder ähnliches. Aber es gibt viele Gegenbeispiele. So haben die Studierendenbewegungen der letzten Jahre oder auch die globalisierungskritische Bewegung der Jahre um die Jahrtausendwende bei mir das Gefühl hinterlassen, dass “wir” kämpfen können.

Außerdem denke ich, dass auch in der Bundesrepublik die weltweite Wirtschafts- und Finanzkrise spürbar werden wird. Die Krise ist noch lange nicht vorbei. Problematisch ist in diesem Zusammenhang vor allem, dass sich die Führungen der großen Gewerkschaften, allen voran die IG-Metall, entschlossen haben, der Politik der Bundesregierung in punkto Rettungsschirmpolitik etc. zuzustimmen. Das ist tatsächlich etwas, was unsere Ausgangslage erheblich erschwert. Wir wissen, wenn die Gewerkschaften kämpfen, dann kann sich alles verändern. Wir müssen darauf hinarbeiten, dass die Gewerkschaften kämpferischer werden und junge Menschen diesen beitreten.

Hochschule und Kämpfe
Die Freiheitsliebe: Du hast angesprochen, dass es nicht an “den Deutschen” liegt, eine Formulierung, welche man sowieso nie benutzen kann. Welche Möglichkeiten gibt es denn, dass wir schon vor dem Eintreffen der Krise etwas zu verändern.

Nicole Gohlke: Manchmal denke ich, es braucht nur einen auslösenden Funken. Die Occupy-Wallstreet-Bewegung bestand am Anfang aus gerade mal 400 Mensche. Es kann schnell passieren, auch in Deutschland, vielleicht sogar schneller, als wir erwarten.

Ich merke, dass sich die Situation an der Hochschule in den letzten Jahren sehr verschlechtert hat, wenn ich meine eigene Situation im Studium  mit der heutigen vergleiche. Die Einschränkungen, vor denen heute viele Studierende stehen, also die Unvereinbarkeit von politischer Aktivität, Jobben und Studieren, der Prüfungsdruck, die Sorge um die eigenen beruflichen Perspektiven, muss man sehr ernst nehmen. Viele Studierende z.B. vom SDS haben erzählt, dass sie für ihre Aktionen an den Hochschulen sehr viel Lob erhalten. Die Leute kommen aber trotzdem nicht zur Demo, weil sie eine Pflichtveranstaltung haben. Ich glaube man muss mit diese Beschränkungen zur Kenntnis nehmen und mit ihnen umgehen. Ich nehme aber auch wahr, dass es – wie z.B. bei der Studierendenkonferenz der Linksfraktion im letzten Dezember – großes Interesse von seiten der Studierenden gibt an Kapitalismuskritik und antikapitalistischen Positionen.
Die Freiheitsliebe: An den Hochschulen in NRW dominieren Gruppen, die eine wohlfühl Politik umsetzen wollen. Wie kommt es, dass solche Gruppen die Studierenden erreichen, obwohl diese viel Unmut in sich tragen?
Nicole Gohlke: Ich glaube, dass das regional sehr unterschiedlich ist. Ich war an vielen Hochschulen und habe dort verschiedene Akteure kennengelernt, von Jusos und Campus-Grün bis hin zu autonomen Gruppen. Unter manchen Akteuren gibt es eine starke Orientierung auf Gremienarbeit. Das ist sicher ehrenwert, ich glaube aber, dass diese Gremienarbeit ein unglaubliches Frustpotential enthält, da man immer in der Minderheit ist. Man kann aufgrund des strukturellen Demokratiedefizits der hochschulischen Gremien und Organisation relativ wenig ausrichten,  opfert dafür aber sehr viel Zeit.

Ich denke, dass es sinnvoll ist, Studierenden eine ideologisch-politisches und aktivistisches Angebot zu machen. Man sollte daran mitwirken, dass die Studierenden selber ihren Campus verändern. Wenn der Campus zu einem gewissen Maße politisiert ist, z.B. durch regelmäßige Teach-Ins zu allgemein-politischen Fragen, durch einzelne Hörsaalbesetzungen, durch Aktionen in Lehrveranstaltungen oder am Campus, dann bekommen auch Stupa- und Asta-Wahlen und Gremienarbeit eine ganz andere Bedeutung. Die Frage ist also, unter welchen Bedingungen können Asten und Stupas etwas verändern.
Die Freiheitsliebe: Welche Möglichkeiten hat die Linke die Studierenden auf dem Campus zu unterstützen?
Nicole Gohlke: Grundsätzlich sollte jeder dort Politik machen wo er/sie ist. Die Bewegung an den Hochschule muss von den Studierenden kommen, und ich hoffe in enger Zusammenarbeit mit Lehrenden und Beschäftigten. Für die LINKE ist es wichtig, dass sie die formulierten Forderungen aufnimmt und mit in den medialen und parlamentarischen Raum trägt. Ich glaube, wenn wir es schaffen, öfter Formate wie die Studierenkonferenzen anzubieten, dann wäre das eine sehr gute und erfolgreiche Politik, weil wir damit aktiv zur Vernbetzung von Studierenden und ihrem politischen Austausch mitwirken können.

Zum Abschluss noch ein paar Begriffe zu denen du uns deine Meinungen sagen kannst.

Nicole auf der Studierendenkonferenz im vergangenen Dezember

LinkeSDS – Ich würde dem SDS eine große Bedeutung beimessen; SDS-Studierende waren maßgeblich beteiligt an allen Protesten in den vergangenen Jahren. Außerdem halte ich die Frage von sozialistischer Organisierung an den Hochschulen für eminent wichtig.

Revolution in Griechenland – Ich glaube das Griechenland ein tolles Beispiel ist, wie man sich als sozialistischer Akteur in Bewegungen begibt. So war die Bewegung in Griechenland nicht von Anfang an eine eindeutig progessive Bewegung. Durch die Krise und das Einmischen sozialistischer und anderer linker Akteure wurden viele Forderungen der Bewegung jedoch antikapitalistisch und emanzipatorisch.

Kapitalismuskritik – Ich glaube das Kapitalismuskritik mittlerweile etwas sehr verbreitetes ist, wenn man sich auch Zeitungen wie die FAZ und die “Zeit” anschaut. Es ist aber wichtig, dass wir die Kritik weiterdenken und nicht bei einer Kritik der Finanzmärkte stehen bleiben. Die Aufgabe von sozialistischen und antikapitalistischen Kräften ist es, die Kritik bis zum Ende zu denken und immer mit der Eigentumsfrage zu verbinden. Die heutige Schuldenkrise ist eine Reaktion auf eine Krise, die schon in den 70er Jahren begonnen hat!

Freiheitsliebe: Wir danken dir für dieses Interview!

Mehr über Nicole Gohlke erfährt man auf ihrer Homepage, die wir euch nur ans Herz legen können, wenn ihr euch für Hochschulpolitik interessiert.

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  • Rick Chair

    Das Ideal der “freien Bildung für alle” geht an der realen Funktion des
    derzeitigen Bildungssystems vorbei. Es geht nicht um die Bildung,
    sondern um die Formung des Nachwuchses zu wirtschaftlicher
    Verfügungsmasse und um eine Vorabselektion im Dienste wirtschaftlicher
    Interessen. Die zunehmende Privatisierung des Bildungsbetriebs spricht in der Hinsicht Bände.

    Der Fehler der bisherigen Hochschulproteste lag darin, dass es dem Gros
    der Studenten eher um die Umsetzung des Bolognaprozesses ging, aber
    grundlegende Fehler dieses Systems vergleichsweise wenig Beachtung
    fanden.

    • Freiheitsliebender

      Wie würdest du, denn gegen diese Fehler mobil machen?
      Die zunehmende Privatisierung kann man nur beklagen und man muss darüber informieren.

      • Rick Chair

        Um dieses und andere damit zusammenhängende Probleme wirklich in Angriff zu nehmen, müsste man politisch weit umfassender aktiv werden. Zweifelsohne schwierig.
        Unter den gegebenen Umständen lässt sich effektiv nicht viel machen, da man vermutlich bestenfalls halbgare Kompromisse aushandeln können wird.

        Immerhin bin ich nicht völlig untätig, da ich an einem Partei-Grundsatzprogramm arbeite, in welchem ich eine entsprechende “Vision” umzusetzen versuche unter Berücksichtigung der Realität. Blanker Idealismus liegt mir nicht, aber ohne ein Quäntchen Idealismus geht’s wohl auch nicht… working on it!

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