Bildung verlangt Bindung – Mentoren motivieren Schüler zum Lesen

Richard David Precht Quelle: http://www.flickr.com/photos/deepblue66/2553610818/sizes/m/in/photostream/

Das Publikum klatscht ausgiebig. Man schaut in zufriedene Gesichter. Die Welt kann doch so wunderbar sein. Als Richard David Precht die Bühne verlässt wird eng am Mentor-Stand, wo vier junge Studenten darüber auskunft geben, wie man sich bei Mentor engagieren kann. Vorausgegangen war ein 70-minütiger Vortrag von Richard David Precht, dem Autor des Bestseller-Buches “Wer bin ich – und wenn ja, wieviele?”, und es dabei schaffte dem Publikum aufzuzeigen wie wichtig ihr Engagement für unsere Gesellschaft ist. Ein besseres Marketing hätte Mentor nicht haben können.

Fast jeder zehnte in Deutschland kann nicht richtig lesen und schreiben; Deutschland zählt 7,5 Millionen funktionale Analphabeten. Dass sich diese Eigenschaft im späteren Leben der Kinder und Jugendlichen negativ auswirkt ist von vornherein klar. Dem Gegenzusteuern ist die Aufgabe unserer Gesellschaft. Wer den schwarzen Peter dem Bildungsministerium oder gar den Lehrern zuschieben will, der übersieht dabei, dass das Problem des funktionalen Analphabetismus zu groß geworden ist, um es mit den gegenwärtigen Mitteln zu lösen. Es gibt in Schulen einen riesigen Bedarf an Ehrenämtern. “Mentor, das ist genau das was die Schulen brauchen”, höre ich von einer interessierten Dame am Mentor-Stand.

Alle gewinnen

Mentor ist eine wahre win-win Situation. Verlierer gibt es keine. Aber was ist Mentor eigentlich genau? Hinter Mentor verbirgt sich die Philosophie der individuellen Förderung. Eine Grundschullehrerin, die vor 30 Kindern in der Klasse steht, kann die Aufgabe, jedes Kind individuell zu fördern, schlichtweg nicht erfüllen. Individuelle Förderung muss in einem kleinen Kreis stattfinden, damit sich der Menti, der Schüler, binden und somit entfalten kann. Die Förderung findet also im klassischen one-to-one Prinzip statt. Schüler, die zwischen sechs und sechzehn Jahren alt sind, können sich einen Mentoren zuweisen lassen. Mentor und Schüler treffen sich regelmäßig (ausgenommen in der Ferienzeit), mindestens einmal wöchentlich in der Schule. Um die Prämisse der Bindung zwischen Mentor und Menti zu erfüllen, so soll der Mentor vor dem Beginn der Zusammenarbeit mit dem Menti sicher sein, dass er mindestens ein halbes Jahr als Mentor tätig sein wird.

Am Anfang war die Vision

Zurückzuführen ist der Erfolg von Mentor auf die Taten von Otto Stender. Otto Stender ist passionierte Leser, Buchhändler, Lesehelfer und Visionär. Seit nun mehr als zehn Jahren bietet

er jungen Menschen seine Hilfe an. Die Idee des Lesehelfens ist genial und doch so simpel. Was früher ein wie eine Vision aussah ist heute Realität geworden: Heute gibt es mehr als 10.000 Lesehelfer, die einen beträchtlichen Anteil am Erfolg ihrer Menti haben. Nicht wenige schaffen den Sprung von der Förderschule auf die Hauptschule oder den Aufsteig von der Hauptschule auf das Gymnasium. Otto Stenders erste Schülerin hatte genau diesen Sprung geschafft. Vanessa stand mit 11 Jahren an einem Reiterhof und schaute schüchtern in den Stall. Der heute 73-jährige Otto Ständer bemerkte sofort, dass ein Hauptschulabschluss für Vanessa nicht das Ausschöpfen ihrer Potenziale bedeutete. Alles was ihr fehlte war jemand, der sich ihr annahm und einige Zeilen mit ihr liest. Genau das tat der sympathische Buchhändler und ebnete ihr den Weg in eine rosige Zukunft.

Auch Richard David Precht hatte an diesem Abend ein untermalendes Beispiel parat: Seine Eltern kümmerten sich um Kinder, die weder eine Möglichkeit zum lesen hatten, noch die Motivation hatten ein Buch zu lesen. Als Prechts Vater einem Kind immer mehr Privatunterricht gab und das Kind einlud mit in der Urlaub zu fahren, wuchs das Kind immer mehr in die Familie hinein. Die alkoholkranke Mutter lag wie ein blockierender Stein im Weg des Kindes, während das Kind immer mehr an die Precht-Familie heranwuchs und schließlich auch von ihr adoptiert wurde.

Mentor werden

Diese beiden Traumbeispiele sollen nicht zeigen, dass jeder Mentor selbiges erreichen soll. Bei Mentor wird keine Messlatte gesetzt. Das Ziel besteht darin, einander zu helfen und einen wichtigen Beitrag zum Erhalt und der Verbesserung unserer Gesellschaft beizutragen. Auch Du kannst Mentor werden oder Mentor in deiner Stadt gründen. Auf der Mentor-Homepage kann man sich hier als Mentor registrieren lassen.

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