Wir dürfen den Holocaust nicht verdrängen – Keine Chance der Totalitarismustheorie
Immer wieder liest man, dass die Verbrechen der Stalinisten ähnlich den Verbrechen der Nationalsozialisten waren. Eine Gleichsetzung beider Verbrechen sorgt für Geschichtsverdrehungen und zeugt nicht von einem Bewusstsein für die Geschichte der Welt und die Geschichte des schlimmsten Verbrechen in der Geschichte der Menschheit.
Der Holocaust war das schlimmste Verbrechen der Menschheit und man sollte meinen, dass die Menschheit sich dessen bewusst ist. In immer mehr Ländern scheint dieses Bewusstsein aber dem Kampf gegen links zu weichen. So wurde im Jahr 2008 die “Prager Deklaration” verfasst und von verschiedenen rechten, konservativen und nationalistischen Parlamentarieren unterschrieben.
Prager Deklaration und der Kommunismus
Wer die Geschichte des 20. Jahrhunderts nicht kennt bzw. als junger Mensch erst lernen muss, könnte ahnen oder denken, dass die Sowjetunion ebenso wie die Deutschen Juden vergast, Sinti und Roma ermordet, mehrere Millionen Kriegsgefangene getötet hat etc. Diese Art Geschichtsrevisionismus ist heute Mainstream, was die Vielzahl bekannter Unterzeichner belegt. Unter den Unterzeichnern war auch der bekennende Antikommunist und ehemalige Präsidentschaftskandidat Joachim Gauck.
Die Prager Deklaration ziehlt darauf ab Geschichtsrevisionismus zu betreiben und den Menschen weiß zu machen, dass die Diktaturen in der Sowjetunion mit Nazideutschland zu vergleichen seien. Doch die Verbrechen der Nationalsozialisten sind einmalig, die Verbrechen des Stalinismus sind zahlreich, aber sie waren keine industriell betriebenen Massenmorde an einem Volk.
In einigen Staaten wie Litauen wurden 95% der jüdischen Bevölkerung ermordet, in genau diesen Staat ist der Geschichtsrevisionismus heute am stärksten. Gegen diese Geschichtsverdrehung muss vorgegangen werden.
Einer der erkannt hat, dass die Gleichsetzung von Nationalsozialismus und Stalinismus (nicht Kommunismus) unrecht ist und nur den Holocaust relativieren soll, ist derProfessor für jiddische Sprache, Dovid Katz, so sagt er in einem Interview mit der Jungen Welt:
Sie haben 71 Abgeordnete aus EU-Staaten bzw. dem Europaparlament hinter Ihrem Aufruf gegen die Totalitarismustheorie versammelt, darunter je drei Bundestagsmitglieder von Linken und Grünen sowie einen SPD-Mann. Worum geht es Ihnen?
Es geht nicht nur um die Erinnerung an die Wannsee-Konferenz vor genau 70 Jahren. Die Parlamentarier aus 19 Ländern der EU weisen die 2008 verfaßte »Prager Deklaration« zurück und damit die von ultrarechten und ultranationalistischen Kräften aus Osteuropa betriebene Politik des »doppelten Genozids«, also die angebliche Gleichheit von Nazi- und sowjetischen Verbrechen.
Wer betreibt diesen Unsinn einer Gleichsetzung?
Die »Rot gleich braun«-Kampagne zeigt beispielhaft, wie es auch kleine Staaten trotz wirtschaftlicher Schwierigkeiten fertig bringen, diesen Unsinn hoffähig zu machen, indem sie staatliche Ressourcen dafür mißbrauchen, die Geschichte umzuschreiben. Zu den wichtigsten Akteuren gehören rechtsgerichtete Politiker, Akademiker und Journalisten der drei baltischen Länder (Estland, Lettland und Litauen, jW). Dort war die Quote der ermordeten Juden die höchste in ganz Europa, was an der massiven Teilnahme der einheimischen Bevölkerung an den Morden lag. Aktive Teilnahme, nicht nur Kollaboration!
Das Establishment dort steckt seit Jahren große Summen in den Versuch, die einheimischen Täter weißzuwaschen oder gar zu verherrlichen, etwa als »antisowjetische Freiheitskämpfer«. Zugleich werden Opfer und Überlebende diffamiert. Und es wird das Wort »Genozid« verhunzt, indem es auf sowjetische Verbrechen angewendet wird. Wir verurteilen diese Verbrechen und wollen, daß sie untersucht werden, aber nicht als Teil eines betrügerischen Geschichtsprojektes, mit dem der Holocaust kleingeredet werden soll.
Die Gleichsetzung ist vor allem in Osteuropa festzustellen. Der Aufruf ist aber gesamteuropäisch – sehen Sie in Westeuropa ähnliche Tendenzen?
Westeuropa hat sich von den osteuropäischen Rechten regelrecht überrollen lassen. Holocaust-Relativierung ist erheblich subtiler als platte Holocaust-Leugnung, und in den Ohren naiver Westeuropäer hören sich Formulierungen wie »gleichberechtigte Untersuchung totalitärer Regime« und »Aussöhnung der europäischen Geschichte« harmlos an. Das ist aber Orwellsche Sprachverdrehung.
Seine Initiative gegen die Relativierung des Holocausts und die Totalitarismustheorie ist wichtig, das sowohl Sozialdemokraten als auch Linke und Grüne unterschrieben ist ein Zeichen dafür, dass es in allen Gruppen immernoch Menschen gibt, die die Geschichte nicht verdrängen wollen.
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