“Lieber Chef, ….”

Ein Praktikum ist primär dafür geeignet, dem Praktikanten einen erweiterten Einblick in das Arbeitsleben zu gewähren. In den letzten Jahren verblasste jedoch dieses Bild der praktischen Erfahrungssammlung. Heute gelten Praktikanten als billige Arbeitskräfte. Man nimmt nicht umsonst die Wörter “Generation Praktikum” in den Mund. Vergütet wird der Praktikant in den meisten Fällen nicht.

Arbeiten, um ausgenommen zu werden

Vor einiger Zeit absolvierte ich ein neunwöchiges Praktikun bei einem bekannten Automobilzulieferer. Darüber beschweren, dass ich nicht einen ausgesprochen tiefen Einblick in die kalte Welt des Wirtschafts bekommen habe, kann ich mich nicht. Ich durfte beobachten, wie bereits um acht Uhr Morgens gestresste Mitarbeiter, erkennbar durch die roten Köpfe, durch die Großraumbüros gehetzt wurden, wie Manegentiere. Tag ein, Tag aus schloss ich mein kleines Schrankschloss auf, schnappte mir den Laptop, ließ ihn hochfahren und das Spiel durfte beginnen. Das Spiel des Irrsinns.

Glücklicherweise bekam ich ein relativ großes Projekt von der Projektleitung übertragen, sodass ich mich selber organisieren musste und auch mit vielen anderen externen Mitarbeitern Kontakt aufnahm. Meine Arbeitsbedigungen waren sicher nicht schlecht, doch liegt das schlichtweg daran, dass ich keinen hohen Druck ausgesetzt war. Ich hatte mein Projekt, welches zwar nicht unwichtig war, aber im Falle eines Scheitern auch kein Umkippen eines Dominosteines bedeutete. Sah ich mich einmal in einer ruhigen Minute um, sah ich die Hektik an mir vorbeiziehen, rote Köpfe, Stress und die komplette Ausblendung allem, was nicht die Arbeit betraf.

Lieber Chef

“Lieber Chef, anfangs war ich noch recht angetan von Ihrem Konzepten und Zielen, aber mit der Zeit, mit jeder Minute, die ich länger an meinem weißen, unbedeutsam erscheinen Tischlein saß, verkümmerte der Gedanke  an ein vitales, soziales Unternehmen. Ich weiß nicht ob du es weißt, nein wissen tust du es bestimmt, aber sicher weißt  Du nicht wie soetwas abläuft. Ich meine diese Kündigungen. Einmal beschrieb mir ein Kollege, wie er sich pünktlich an einem Tisch setzte. Das Meeting konnte bald losgehn, doch fehlte noch eine Person, die sonst immer so überpünktlich zu Meetingterminen erschien. Mein Kollege rief diesen an, um zu wissen, wo er sich denn befände. Das Meeting würde ja jeden Moment beginnen. “Die haben mich vor fünf Minuten rausgeschmissen”, hat mein Kollege am Telefon nur nüchtern vernommen. Ist das nicht eklig, chef?

Ich weiß, die Automobilindustrie musste in den letzten Jahren einiges wegstecken. Die ganz fetten Jahren sind vorbei. Dies ändert aber nichts daran, dass die Jahre immernoch fett sind. Die Gewinne sind immernoch prächtig, was Dich aber nicht davon abhält, Bestellungen von Büromaterialien dermaßen zu blockieren, dass man nichteinmal mehr Stifte bei der Büromaterialienausgabe bestellen kann. Der Getränke-Tchibo-Automat, der mich anfangs so glücklich gemacht hat uns mir kostenfreie Getränke spendete, wurde in der dritten Woche von zwei Männern im Blaumann aus dem Büro getragen. “Da kommt jetzt ein Münzenzähler rein, bald kost’ der Kaffee hier was”, sagen mir die beiden, als ich ihr instinktiv den Weg versperren will und sie aus meiner Seele zu lesen scheinen. Achja, die anderen paar Hundert Mitarbeiter, die Du scheinbar nicht mehr brauchst, zeigen in einem Nachlass nur noch, dass plötzlich riesen Lücken auf den Parkplätzen enstehen. Wenn du diese unausgefüllen Parktaschen siehst, was denkst du dann eigentlich? Mitleid, Trauer oder Gleichgültigkeit? Fühlst du überhaupt?

Einmal stand ich vor der Zentrale. Mein Blick wandert von den leeren Parkplätzen hin zum VIP-Parkplatz. Ich darf ein Spektakel beobachten. Riesenautos der Größe von Land Roovern tümmeln sich in den doch recht klein ausgefallenen VIP-Parkbereich. Immer wieder verkeilen sich die Autos beim ein und ausparken. Ein Trauerspiel. Ich frage mich, wieso die Behindertenparkplätze leer bleiben. Diese sind noch zentraler, länger und breiter.

Ich erzähle dir all die Dinge, die Sie sicher schon einmal mitbekommen haben. Am meisten aber hat mich das Verhältnis unter den Mitarbeitern gestört. Einmal wurden ich meine Abteilung von meiner Chefin zum Essen eingeladen. Als dann die Eingangsfrage verlautet wurde, hielt ich meinen Atem an. “Na was macht ihr eigentlich sonst so? Was habt ihr für Hobbies?” Da sitzen doch tatsächlich eine handvoll Mitarbeiter am Tisch, die seit einigen Jahren im Büro nebeneinandersitzen und so sehr in ihre Berufung eingetaucht sind, dass sie nicht einmal wissen, was der andere privat eigentlich so macht.

Achja, lieber Chef, am Anfang habe ich das so weggesteckt, habe das einfach so akzeptiert. Aber mittlerweile weiß ich, dass ich ausgebeutet wurde. Für meine Arbeit, für meine Leistung und den Mehrwert, welchem ich ihren Unternehmen leistete, erhielt ich nicht einen müden Cent. Der Automobilindustrie gehe es ja so schlecht – nur weil der Gewinn ein paar Millionen geringer ausgefallen ist als die letzten Jahre. Das Kantinenessen durfte ich auch selber bezahlen. Spritgeld, Weggeld gab es nicht. Einen Mitarbeiterparkplatz gab es auch nicht, ich war ja nur Praktikant. Und Praktikanten verdienen nichts.”

Ähnliche Artikel:

  1. Freiheitsliebe berichtet – Probearbeiten, wie man Geld spart als Chef
  2. Über das Übel einen Nebenjob zu brauchen
  3. Daimler-Chef fordert EU-Beitritt der Türkei
  4. Als die SPD beschloß sich abzuschaffen
  5. Terrorwarnungen und ein roter Koffer

flattr this!

Facebook
Wahlumfrage

Wie sollte die künftige Parteispitze der LINKEN aussehen?

View Results

Loading ... Loading ...
Creative Common