Einheitsfront und Internationalismus – Lehren aus der Geschichte der KPD
Viele Mitglieder der KPD stammten ursprünglich aus der Sozialdemokratie und hatten diese während des Ersten Weltkrieges enttäuscht verlassen. Aus ihrer Sicht hatte die SPD alle Prinzipien der Arbeiterbewegung verraten und sogar die bekanntesten Köpfe der Linken ermorden lassen. Dennoch stellte sich die Frage, wie sich das Verhältnis zur Sozialdemokratie gestalten sollte, denn ignorieren konnte man sie nicht. Sie verfügte immer noch über einen dominierenden Einfluss in den Gewerkschaften und erhielt weiterhin bei Wahlen die meisten Arbeiterstimmen.
Eine Antwort auf diese Frage gab die ab Mitte 1921 entwickelte Einheitsfrontpolitik. Grundannahme dieser Politik war, dass die KPD die Gesellschaft nur dann verändern könnte, wenn sie dafür die Unterstützung der Mehrheit der Arbeiterschaft hatte. Diese Mehrheit orientierte sich aber weiterhin an der Sozialdemokratischen Partei, versprach sich von ihr konkrete Verbesserungen der katastrophalen sozialen Lage der Nachkriegszeit. Was also tun? Versuche, sozialdemokratische Anhänger durch Beschimpfungen der SPD, durch ständiges Vorhalten ihres Verrates oder durch eine abstrakte Gegenüberstellung kommunistischer und sozialdemokratischer Prinzipien für die KPD zu gewinnen, waren bereits gescheitert.
Die Kommunisten wollten die Widersprüchlichkeiten und Grenzen der sozialdemokratischen Politik für deren Anhänger in der Praxis – durch Appelle zur gemeinsamen Aktion – erfahrbar machen. Dem zugrunde lag die Überzeugung, dass die SPD aus Rücksichtnahme auf mögliche oder tatsächliche bürgerliche Koalitionspartner zögern würde, ihre eigene Anhängerschaft zur Durchsetzung sozialer und politischer Forschritte zu mobilisieren. Wenn also die SPD etwa bestimmte soziale Verbesserungen fordert, muss die KPD die SPD offiziell auffordern, einen gemeinsamen Kampf für dieses Ziel zu führen, und zwar vor allem durch gemeinsame außerparlamentarische Aktivitäten. Weigert sich die SPD auf dieses Angebot zur Zusammenarbeit einzugehen, entlarvt sie sich auf diese Weise selbst vor ihren Anhängern. Ist sie zu gemeinsamen außerparlamentarischen Aktionen bereit, werden eben diese Aktionen den Arbeitern zeigen, dass sie durch ihre eigene Kraft viel mehr bewirken können als durch das passive Abwarten parlamentarischer Entscheidungen.
Zentrales Element der kommunistischen Einheitsfrontvorstellungen war die radikalisierende Dynamik von außerparlamentarischen Kämpfen und Streiks. Wesentliches Kriterium war, begrenzte Reformforderungen aufzustellen, die nur in gemeinsamer Aktivität in der Form breit angelegter Arbeiterkämpfe gegen Staat und Bürgertum durchsetzbar waren. Auch wenn sich die Einheitsfrontangebote formal an die Spitze der SPD richteten, zielten sie vor allem auf die Entfachung einer Selbstaktivität der Basis in gemeinsamen Kämpfen ab. Dabei behielt sich die KPD jenseits der gemeinsamen Forderungen stets die Freiheit der Kritik an der sozialdemokratischen Politik vor.
Im Sommer 1922 kam es nach der Ermordung des jüdischen deutschen Außenministers Walter Rathenau durch rechtsradikale Fanatiker zu einer riesigen Protestwelle. Sofort forderte die KPD alle anderen Arbeiterorganisationen zur Beratung gemeinsamer Abwehrmaßnahmen gegen den rechten Terror auf. Unter dem Druck von weit über einer Million Demonstranten auf den Straßen stimmten SPD und Gewerkschaften dem zu. So konnte schließlich ein Abkommen mit den anderen Arbeiterorganisationen erzielt werden, in dem ein scharfes Vorgehen gegen die extreme Rechte und eine Amnestie inhaftierter Arbeiter gefordert wurde. Einen Generalstreik zur Erkämpfung dieser Ziele konnte die KPD zwar nicht durchsetzen, wohl aber einen weiteren Aktionstag, bei dem erneut Hunderttausende auf die Straße gingen.
In dieser und ähnlichen anderen Kampagne hatte die Partei zeigen können, dass sie – die langfristig die Überwindung des Parlamentarismus durch eine Räterepublik anstrebte – die Kraft war, die am entschiedensten für die Verteidigung der Republik gegen die extreme Rechte eintrat und bereit war, für dieses Ziel mit den anderen linken Kräften zusammen zu kämpfen. Tatsächlich war die Einheitsfrontpolitik, die die KPD vor allem in den Jahren 1921 bis 1923 (und dann noch einmal bei der Kampagne zur Fürstenenteignung 1926) anwandte, erfolgreich. Nicht nur, dass einzelne Verbesserungen für die Arbeiter erkämpft wurden, auch die Mitgliedszahlen der KPD und ihre Stimmenanteile bei Wahlen stiegen.
Internationalismus
Die kommunistischen Parteien vertraten Anfang der 1920er Jahre die Ansicht, dass der Aufbau einer neuen Gesellschaft nur im internationalen Maßstab vonstatten gehen könne – wegen der allseitigen wirtschaftlichen Abhängigkeit der einzelnen Länder vom Weltmarkt und der expansiven Dynamik der kapitalistischen Produktionsweise. Auch aus diesem Grund hofften die führenden Bolschewiki um Lenin am Ende des Ersten Weltkrieges auf eine Revolution im Westen – vor allem in Deutschland. Aus dem gleichen Grund vereinigten sich die verschiedenen Parteien 1919 in der Kommunistischen Internationale (Komintern).
In Worten war die Arbeiterbewegung Beginn des Ersten Weltkrieges auch internationalistisch gewesen. Aber die Zweite Internationale, die vor 1914 den internationalen Zusammenschluss der verschiedenen sozialistischen Parteien darstellte, brach mit Beginn des Krieges zusammen und die Führungen der verschiedenen Sektionen folgten ihren eigenen herrschenden Klassen in den Krieg. Die Begründer der KPD wollten einen Schlussstrich ziehen unter die nationale Spaltung der internationalen Arbeiterbewegung. Bereits 1915 schrieb Rosa Luxemburg im Entwurf für ihre „Junius-Thesen“: „Es gibt keinen Sozialismus außerhalb der internationalen Solidarität des Proletariats, und es gibt keinen Sozialismus außerhalb des Klassenkampfes. [...] In der Internationale liegt der Schwerpunkt der Klassenorganisation des Proletariats. Die Internationale entscheidet über die Taktik der nationalen Sektionen im Frieden in bezug auf Fragen des Militarismus, der Kolonialpolitik, Handelspolitik, Maifeier, ferner über die gesamte im Kriege einzuhaltende Taktik.“
D
ie Jahre nach dem Ersten Weltkrieg waren weltweit Jahre der sozialen Unruhe und der Rebellionen von Arbeitern, Bauern, unterdrückten Minderheiten und Kolonialvölkern. Die kommunistische Presse brachte Arbeitern in Deutschland diese weltweiten Rebellionen nahe. Sie schilderte die Situation von indischen Straßenarbeiterinnen, informierte über einen Mieterstreik in Amsterdam oder berichtete über das „Erwachen der Massen“ in Mexiko. Zudem solidarisierten sich die Kommunisten mit ausländischen Arbeitern, indem sie Geld für Streikende in anderen Ländern sammelten oder Solidaritätskomitees für die Sowjetunion gründeten.
Auch während der Besetzung des Ruhrgebiets durch französische Truppen im Jahr 1923 agierten die deutschen Kommunisten im Sinne des proletarischen Internationalismus. Anders als die nationalistischen Gegner der Ruhrbesetzung propagierte die KPD den gemeinsamen Kampf mit den französischen Werktätigen. Französische und deutsche Kommunisten warben unter den Besatzungssoldaten für die Verbrüderung mit den deutschen Arbeitern. Und nach einem Massaker französischer Truppen an Arbeitern in Essen veröffentlichte die KPD-Zeitung „Rote Fahne“ einen Solidaritätsbrief französischer Soldaten, die Geld für die Familien der Ermordeten sammelten.
Die Geschichte des kommunistischen Internationalismus endete tragisch. Mit zunehmender Stalinisierung verkehrte er sich in sein Gegenteil. Die Stalinsche Fraktion in der Staatsbürokratie etablierte ab 1925 die neue Doktrin des „Sozialismus in einem Lande“. Indem Maße, in dem sich diese Theorie in den Parteien der Komintern durchsetzte, wandelte sich der ursprüngliche internationalistische Anspruch der KPD in das Ziel der unbedingten Verteidigung der Sowjetunion, des „Vaterlandes der Werktätigen“. Anstelle einer nüchternen Analyse der Kampfbedingungen in den verschiedenen kapitalistischen Ländern trat eine Idealisierung der Verhältnisse in der Sowjetunion. 1943 befahl Stalin schließlich die Auflösung der Komintern.
Aber diese Entwicklung sollte die Linke heute nicht dazu verleiten, die Antworten, die die Komintern in ihrer Frühphase auf das Problem der internationalen Solidarität entwickelte, leichtfertig zu verwerfen. Historisch bedeutete der kommunistische Internationalismus der frühen Zwanziger Jahre gegenüber der Haltung der Sozialdemokratie einen gewaltigen Schritt vorwärts. Die kommunistische Linke dachte global, lange bevor das Wort Globalisierung erfunden worden war. Die beiden Grundfragen des Internationalismus waren damals: Was hat die Linke dem Nationalismus der Herrschenden entgegenzusetzen? Und: Wie kann die Linke global agieren unter den Bedingungen national stark verschiedener politischer und gesellschaftlicher Verhältnisse? Diese beiden Fragen muss die heutige Generation der Linken unter veränderten Bedingungen neu lösen. Das gilt auch für die Bündnispolitik und die Frage, wie heute die Selbstemanzipation der arbeitenden Bevölkerung zu erreichen ist.
Der Beitrag stammt von Sebastian Zehetmaier und Marcel Bois und ist der zweite Teil einer Serie über die KPD und die Lehren aus ihrere Geschichte. Teil 1 findet man hier.
Literatur
Angress, Werner T.: Die Kampfzeit der KPD 1921-1923, Düsseldorf 1973.
Broué, Pierre: The German Revolution 1917-1923, Chicago 2006.
Flechtheim, Ossip K.: Die KPD in der Weimarer Republik, mit einer Einleitung von Sigrid Koch-Baumgarten, Hamburg 1986.
Kinner, Klaus; Reuter, Elke: Der deutsche Kommunismus als Quelle emanzipatorischer Politik, in: Klaus Kinner (Hg.): DIE LINKE – Erbe und Tradition, Bd. 1: Kommunistische und sozialdemokratische Wurzeln, Berlin 2010, S. 171-188.
Weber, Hermann: Die Wandlung des deutschen Kommunismus. Die Stalinisierung der KPD in der Weimarer Republik, 2. Bde., Frankfurt 1969.
Weitz, Eric D.: Creating German Communism. From Popular Protest to Socialist State, Princeton 1997.



