Frieden, Krieg und Kabarett: Der Palästina-Express – ein Gespräch mit Anis Hamadeh

Anis Hamadeh

Der Nahe Osten ist oft eine traurige Angelegenheit. Die meisten Nachrichten aus dieser Region sind schlecht. Die Menschen sind vielfach enttäuscht von der Politik und wünschen sich nur Frieden und Ruhe. Anis Hamadeh zeigt mit dem Palästina-Express, dass man dem Nahmen Osten anders begegnen kann. Er ist Schriftsteller, Musiker, Maler und Islamwissenschaftler und lebt in Mainz.

Die Freiheitsliebe: Hallo Anis, du bist der Erfinder des Palästina-Express. Wie bist du auf die Idee gekommen, Kabarett über den Nahen Osten zu machen?

Anis Hamadeh: Erfinder ist gut. Nun ja, Satiren schreibe ich schon immer. Seit dem Angriff auf Jenin in der Westbank 2002 habe ich mich intensiv mit Palästina beschäftigt, in Artikeln, Essays, Kommentaren, Interviews, Vorträgen, dem Free Gaza Art Festival im Internet, Literatur, Musik, Malerei und noch einigem mehr. Inzwischen hat sich ein großes buntes Buch an Material angesammelt, hier ist das Inhaltsverzeichnis.

Irgendwann ist mir aufgefallen, dass selbst die besten deutschen TV-Kabarettisten das Thema umgehen. Ich meine: auch solche, die ich richtig mag, wie Volker Pispers, Mathias Riechling, Urban Priol, Georg Schramm, Dieter Hildebrand. Hagen Rether hat Israel mal einen ganz normalen Apartheidsstaat genannt, das war kritischste, was ich bei meiner Recherche gefunden habe.

Die Situation in Palästina/Israel ist so absurd, dass sich die Satire doch aufdrängt. Es gibt im Kabarett auch eine Verantwortung, keine wichtigen Themen auszulassen, vor allem Unterdrückungssituationen. Natürlich muss man dabei Farbe bekennen, das ist wohl das Problem. Ich halte mich an das internationale Recht und die Menschenrechte und messe mit einem einzigen Maß, so geht es wohl. Da ich inzwischen auch sechs Songs zu Nahost komponiert habe, kam ich letztes Jahr auf die Idee mit dem Express und habe ein paar neue Kurztexte dafür geschrieben, die ich auf dem neuesten Stand halte.

Die Freiheitsliebe: Wieso umgehen die deutschen Kabarettisten den Nahostkonflikt?

Anis Hamadeh: Es muss wohl Gründe dafür geben, dass dieser Elefant im Zimmer nicht bemerkt wird – um einen Ausdruck aus der englischsprachigen Welt zu verwenden. Der ignorierte Elefant passt nicht so recht zu “Eine Zensur findet nicht statt” und er zieht das allgemeine Niveau im Kabarett natürlich herunter, er macht es unglaubwürdig.

Die Freiheitsliebe: In Deutschland ist es sehr schwer, sich zum Nahostkonflikt zu äußern und eine andere Meinung zu vertreten als die Medien. Hattest du schon Probleme deswegen?

Anis Hamadeh: Die Situation ist nicht mehr ganz so wie in den 90ern. Damals hatten viele Leute Hoffnung, ob berechtigt oder nicht. Davon ist nichts übrig. Das führt dazu, dass sogar manche Medien ins Grübeln kommen. Der Journalist Walter van Rossum etwa hat kürzlich einen potenziell Tabu-brechenden Kommentar zu diesem berüchtigten ständigen Antisemitismusvorwurf geschrieben, in einem Mainstreammedium. So etwas gibt es. Mit meiner Arbeit habe ich selten Probleme, kaum Hassmails und so. Ich lege es auch nicht darauf an.

Es ist natürlich bekannt, dass die meisten Medien und Parteien in Deutschland “aufpassen”, dass unserem Fantasie-Israel nichts passiert, diesem Traumbild, das keiner Realität standhält. Routinemäßig wird Israel bei uns als Opfer und als Reagierender dargestellt, das hat eine lange Tradition. Oder man fantasiert “zwei Seiten” herbei, als hätten die Palästinenser eine Armee oder auch nur ein gewähltes Oberhaupt. Dabei sind mehr als 99 % der Waffen im Land israelische, während der Landraub unbeirrt weitergeht. Schlimm ist auch, dass so viele Nachrichten aus dem Land bei uns nicht in die Rotation kommen, weil sie “Israel schaden” könnten. Zum Glück gibt es alternative Medien wie das Palästina-Portal oder www.theheadlines.org oder auch die Freiheitsliebe. Ihr habt euch ja spätestens seit dem Dierkes-Interview im Mai etablieren können.

Noch eine Geschichte zum Thema: Jetzt zu Pfingsten hatte mich die israelische Gruppe Givat Haviva eingeladen, die Hälfte des Palästina-Express’ auf der Bundesgartenschau in Koblenz zu präsentieren. Sie hatten eine Bühne den ganzen Tag lang und es waren noch andere Künstler und Interview-Partner dabei. Der Veranstalter Alex Elsohn sagte dazu, dass er dem Express inhaltlich zwar nicht unbedingt überall zustimme, dass er aber diese Stimme wichtig finde, weil er solche Argumente auch von einheimischen Palästinensern höre und weil es nicht darum gehe, so zu tun, als sei da Frieden und Harmonie. Diese Einstellung hat mir imponiert. Ich hatte keine Ahnung, wie das Publikum das Stück aufnehmen würde, hatte mich allerdings im Laufe des Tages bereits mit einigen Songs und Ausschnitten aus “Die Dichter” vorgestellt. Einige der Givat-Haviva-Leute waren sehr begeistert von der Show, das kann ich nicht anders sagen. Verblüffend. Manche Zuschauer seien auch genervt gegangen, erzählte Alex. Für mich war diese Episode der Beweis dafür, dass man Inseln der Freiheit durchaus finden kann.

Die Freiheitsliebe: Wirst du denn auch von deutschen oder palästinensischen Gruppen eingeladen, um auf deren Veranstaltungen aufzutreten, oder stehen diese dir kritischer gegenüber?

Anis Hamadeh: Als Referent und auf Podien werde ich ab und zu eingeladen. Mit dem Palästina-Express bin ich das erste Mal auf einer Gaza-Benefiz-Veranstaltung aufgetreten, die von FrauenWege Nahost im Februar in Bonn organisiert wurde. Die halbe Stunde kam ausgesprochen gut an, die Arbeiterfotografie hat Bilder gemacht und einige Textausschnitte veröffentlicht, siehe hier (ab Bild Nr. 17). Als im April der YouTube-Trailer online stand (www.youtube.com/watch?v=TfIXZr0PJNI), hatte ich damit gerechnet, dass einige Soli-Gruppen darauf anspringen oder zumindest nachfragen würden, immerhin ist das etwas ganz Neues und ich bin in der Szene bekannt. Zu meiner Überraschung kam da aber bis jetzt so gut wie nichts. An den Inhalten liegt das aber wohl nicht.

Palästinaveranstaltungen sind bei uns eher ernst vorgetragene Vorträge oder Referenten aus Palästina/Israel, mal ein Film und dann Falafil und vielleicht Dabka-Tanz, dazu Spendenaufrufe, Schaubilder, Informationsflyer und ein Büchertisch. So kennt man es, das Ritual, und entsprechend ist wohl die Erwartungshaltung. Ich halte es für wichtig, dieses Repertoire zu erweitern und zu öffnen, auch damit nicht immer dieselben Leute zu solchen Veranstaltungen gehen. Immerhin suchen wir doch alle nach Wegen zum gesellschaftlichen Wandel und nicht nach geschlossenen Selbsthilfegruppen.

2012 werde ich mit dem Stück in den USA touren, Kalifornien und New Mexico, denn ich mache es auch auf Englisch und habe Freunde in den Staaten, die das Programm auf der Bühne sehen wollen, die ganzen neunzig Minuten. Auch aus England gab es Feedback. Mein Humor ist ziemlich britisch, vielleicht deshalb.

Die Freiheitsliebe: Wie kommt es denn, dass die palästinensischen Gruppen ihr Programm nicht ändern? Könnte dies ein Grund dafür sein, wieso trotz vorhandener Solidarität mit Palästina sich relativ wenige Menschen dafür engagieren?

Anis Hamadeh: Es wird sich nur der engagieren, der einen persönlichen Grund dafür hat. Das kann eine Begegnung sein, eine Reise oder ein Buch. In meinem Fall ist es ironischerweise Familiengewalt. Seitdem verstehe ich, was ein asymmetrischer Konflikt ist und dass die Gesellschaft Unrecht toleriert, ja im Zweifel unterstützt. Deshalb bin ich auch nicht pro-palästinensisch. Familiengewalt ist neben der Diskriminierung von Frauen und der Korruption eines der Hauptprobleme in der palästinensischen Gesellschaft und da herrscht eine große Omerta. Deshalb bin ich eher anti-palästinensisch. Trotzdem setze ich mich für die Palästinenser ein, weil es ein unterdrücktes Volk ist! Ich spreche nicht mit meinen Verwandten, aber sie haben Menschenrechte und die werde ich verteidigen. – Eine nicht einfache Situation für mich.

Es hat allerhand Innovationen in letzter Zeit gegeben, die stärkste sind die Gaza-Schiffe. Sie zeigen das Problem der Gefangenschaft, sie zeigen, wie Palästinenser behandelt werden. Das kann kein Deutscher tolerieren! Ich hätte Delegationsleiter eines Kulturboots werden sollen, was durch das Massaker 2008/09 zunichte wurde. Als dann die friedliche Mavi Marmara von israelischen Soldaten geentert und neun Menschenrechtler ermordet wurden, gab es keinen wirklichen Aufschrei in der Welt. Das ist bezeichnend für unsere dekadenten Zustände. Wie im alten Rom ist das! Das Gesetz des Dschungels. Als wäre Demokratie ein Hohn.

Ich gebe zu, dass man heute gegen den Strom schwimmt, wenn man Gerechtigkeit will. Das fällt vielen schwer. Am Anfang des Palästina-Express’ heißt es auf die Frage, warum Palästina im Kabarett so selten vorkommt: “Nur weil man dann seinen Job verliert, als Anitisemit abgestempelt wird und nie wieder ein Teil der Gesellschaft ist? Ich bitte Sie! Das wird wohl kaum jemanden davon abhalten, seine Meinung zu sagen.”

Die Freiheitsliebe: Denkst du wirklich, dass es so schwierig ist, auch Israel zu kritisieren oder liegt es eher daran, dass entweder nur Israelis oder nur Palästinenser kritisiert werden?

Anis Hamadeh: Wenn die Fernseh-Gesellschaft ungefilterte Nachrichten über Israel bekäme, würde sie stark gegen diesen Staat eingenommen sein, wegen des Landraubs, der Morde und des Rassismus’. Der deutsche Mainstream verbindet stattdessen die Berichterstattung mit der eigenen Geschichte und benutzt die Situation, um seine Gefühle über den Genozid an den Juden auszudrücken. Zum Beispiel durch das Genre der Antisemitismus-Artikel oder dadurch, dass Israel entschuldigt wird, weil es sich angeblich verteidigen müsse. Dass Israel aber nicht sich selbst, sondern ein Unrecht verteidigt, wird übergangen. Unsere heilige Geschichte ist uns Deutschen wichtiger als die Menschenrechte.

Israel hat sich von Anfang an nicht in die Region integriert, sondern oft aggressive und stets unilaterale Entscheidungen getroffen. Von wegen Selbstverteidigung! Israel ist daher in weiten Teilen der Welt unbeliebt und seit der Lieberman-Ära sowieso. Dass der deutsche Mainstream diese Politik aktiv unterstützt, ist keine Liebe für Israel. Vielmehr geht es da um das deutsche Ego.

Also schreibt man brav “radikal-islamische”, bevor man “Hamas” schreibt, man sagt “Existenzrecht” und “Antisemitismus”. Das sind alles deutliche Ideologie-Anzeiger, wie auch das doppelte Maß. So versuchen wir ebenso unbewusst wie erfolglos, unsere Geschichte abzuarbeiten, auf Kosten unserer Werte. Das Menschenrecht der Palästinenser kommt am Antisemitismusvorwurf nicht vorbei.

Die Freiheitsliebe: Ziehen also Medien und Politiker die falschen Schlüsse aus der deutschen Geschichte?

Anis Hamadeh: Es gibt immer noch viele, die den Schluss ziehen: “Nie wieder gegen Juden” statt: “Nieder wieder gegen Menschenrechte”. Wenn man aber Juden bevorzugt, weil sie Juden sind, ist das auch rassistisch. Außerdem führt es dazu, dass radikale Gruppen gestärkt und die Menschenrechte relativiert werden. Dabei ist das betont pro-Jüdische in unserer Gesellschaft nicht einmal wirklich pro-jüdisch. Dieses Verhalten schadet nur allen Beteiligten, es bleibt in einem alten Trauma stecken und geht an der Realität vorbei, zum Beispiel der Realität des Zionismus.

Die Freiheitsliebe: Versuchst du mit dem Palästina-Express auch auf diese Fehlinterpretation der Geschichte aufmerksam zu machen?

Anis Hamadeh: Klar. Das Programm hat viele Themen. Ich spreche über Gaza, das größte Freiluftgefängnis der Welt mit Meerblick, über 1948, über Terrorismus und über einen Freund, der beim Bau seines Zauns Gebiete des Nachbargartens berücksichtigt hat, und sich jetzt wundert, warum sein Nachbar so unfreundlich zu ihm ist.

In manchen Teilen nehme ich Rollen ein, wie die eines Chefredakteurs am Telefon oder die eines Übersetzers von Regierungs-Amerikanisch. Sagt Obama zum Beispiel “Stabilität”, so muss man es richtig mit “Instabilität” übersetzen, sonst ergibt es keinen Sinn. Zwischendurch nehme ich die Gitarre und spiele einen Song oder ich sage einen Palästimerick auf wie diesen: Es gibt die Idee der zwei Staaten. / Dazu hat die UNO geraten. / Das ist lange her und inzwischen wird’s schwer / wegen expansionistischer Taten.

Aktuelle Ereignisse nehme ich meist gleich auf, wodurch das Programm flexibel bleibt. Wenn ich gut drauf bin, improvisiere ich auch gern. Es würde mich freuen, wenn du einmal die Gelegenheit hast, den Palästina-Express auf der Bühne zu sehen.

Die Freiheitsliebe: Danke für deine Antworten, dürfen wir dir einige Begriffe nennen und du sagst was dir zu ihnen einfällt?

Politisches Kabarett

Eine wichtige Ausdrucksform, weil man mit Satire mehr sagen kann als ohne. Und es ist ein neues Terrain für mich.

Zwei-Staaten-Lösung

Hauptsache Gerechtigkeit. Die Form ist nicht zentral, sie muss sich nach dem Inhalt richten. Ich halte allerdings eine Zwei-Staaten-Lösung für unrealistisch.

UNO

Zeigt, dass wir Menschen eigentlich Frieden möchten. Zeigt auch, dass wir es nicht auf die Reihe bekommen. Wir belohnen die hochgerüsteten Staaten, indem wir ihnen eine besondere Machtposition in der UNO zugestehen, das ist unlogisch und unreif.

20. September
Der Stichtag, an dem es bei der UNO um die staatliche Anerkennung Palästinas gehen soll. Eine problematische Forderung, weil sie viele Fragen außen vor lässt, besonders die Frage der Vertriebenen. Der entsprechende Antrag ist auch nicht durch einen demokratischen Konsens entstanden, sondern ist ein Alleingang von Herrn Abbas.

Die Freiheitsliebe: Anis wir danken dir für deine Antworten und wünschen dir viel Erfolg bei deiner Tour. Vielleicht schaffen wir es, mal eine gemeinsame Veranstaltung mit dir zu organisieren!

Mehr Infos zu Anis findet man hier!

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