Vom Buch- und Verlagswesen im Internetzeitalter – Fossilien einer vergangenen Zeit?

Alle lieben das Internet. Und manche wissen es sogar als Instrument treffsicher zu handhaben: Wer als Wissenschaftler oder investigativer Journalist, auch als Übersetzer oder Lektor die erleichternde Vielfalt des Internets einmal kennengelernt hat, möchte diese bei seiner Arbeit kaum noch missen. Jedoch ist dieses Internet, das er oder sie benutzt, nicht das Internet schlechthin. Derjenige, der das Internet als sachliches Instrument echter Forschung verwendet, benutzt die in demselben verlaufenden Goldadern.

Diese machen jedoch – wie auch in der wirklichen Welt – nur einen kleinen Teil des Berges aus. Im echten Leben überwiegen Erde, Sand und Steine das Gold und das Silber und die Edelsteine bei weitem. Im virtuellen Leben könnten wir uns glücklich schätzen, überhaupt von Erde oder Sand oder Steinen sprechen zu dürfen; dass nämlich dieser Berg an „Informationen“, der auch Gold führt, in seiner Mehrheit aus Mist besteht, ist weniger als Tatsache denn als beschönigende Redeweise zu werten.

Ihn als Meer des Unsinns zu bezeichnen würde diesem Ort der Moderne ebenfalls  nicht gerecht, sondern verschweigt gnädig einige der Abgründe dessen, das nicht nur durch das dortige Wirken der Bild-Zeitung und anderer Spezialisten des Kommerzes und der Propaganda, sondern auch das Treiben allzu vieler zu Unrecht selbst berufener Blogger und Forumsteilnehmer in vielen seiner Teile wie der kollektive geistige Abtritt der Moderne wirkt.

Wozu brauchen wir noch Bücher, wozu noch Verlage?

Auf eine viel simplere Sache bezogen, stellte Neil Postman in seiner genialen Abhandlung über den geistigen Moloch Fernsehen fest, dass das beliebige Nebeneinander von Disparatem und Widersprüchlichem dem Vollbild der Schizophrenie eigentümlich ist. Insofern könnten wir sagen, dass nun das Internet das vollzuenden droht, was kapitalistische „Freie“ Presse, Fernsehen und die bekennenden Gagaisten von der Mehrheitsfraktion der Gesellschaftswissenschaftler schon recht erfolgreich angefangen haben: einer Gesellschaftsform, die sich rühmt, auf dem Verstande zu beruhen („rational“ zu sein), denselben gründlich und schlussendlich auszutreiben.

 

Die bereits erwähnten Goldadern vom Rest zu trennen muss angesichts des kollektiven Wahnsinns, der heute „Öffentlichkeit“ heißt und sich neuerdings im Internet von Youtube über Twitter bis Facebook austobt, einfach an sich etwas Nobles sein. Lasst uns ankämpfen gegen den Irrsinn und jegliche Vergewaltigung des Verstandes: Dazu bedarf es vieler Instrumente zum Nebelspalten, zum geistigen Aufräumen, zum Ordnung-Machen, einerseits und bei jedem einzelnen. Andererseits sollten wir für feste Punkte, für Inseln im besagten Meer des Irrsinns dankbar sein. Eine solche Rolle können, sollten kleine ambitionierte Verlage spielen. Dabei sollten sie einerseits versuchen, denen, die in dieser mehr denn je von großem Geld und großer Macht bestimmten WeltUnOrdnung unter die Räder geraten und keine Stimme haben dürfen, eine Stimme zu verleihen. Dies allerdings nicht nach dem Kriterium der Willkür und Beliebigkeit, das die einzig bestimmende Regel der Wortmeldungen vieler Blogger zu bilden scheint, sondern dem der Wahrheit und des Wissens. Insofern gibt es eine schöne und zugleich fordernde Aufgabe für ernsthafte Publizisten und Verleger auch und gerade jetzt, im Zeitalter der überbordenden virtuellen Welten; sie zu meistern ist jedoch alles andere als leicht, sondern wird harte, andauernde Arbeit erfordern.

Ein Beitrag von Markus Omar Braun, einem Mitarbeiter des Zambon-Verlages.

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