“Das Leiden des jungen Aktivisten”
Wenn man mich fragen würde, wie lange ich schon aktiv, also ein Aktivist bin, würde ich wie viele meiner Freunde antworten: „Seit dem 15. Oktober 2011.“ An diesem Tag liefen die spanischen Proteste bereits ganze 5 Monate und in 950 Städten, in 82 Ländern weltweit demonstrierten die Menschen, inspiriert von den spanischen Indignados, der Occupy-Bewegung, der arabischen Revolution und vielen anderen Bewegungen weltweit. Es war beeindruckend zu sehen, dass plötzlich 10.000 Menschen allein in Berlin zusammenkamen, hauptsächlich um gegen die inakzeptable Bankenrettungen mit abnormen Summen zu demonstrieren. Für mich persönlich aber war es noch viel erstaunlicher, dass ich am Ende des Tages mit geschätzt 300 Menschen in einem Kreis saß, die sich über das sogenannte „Human Mic“ über Probleme empörten, über welche ich mit meinem bisherigen Freundeskreis kaum oder nur bedingt sprechen konnte. Alles Menschen welche sich in den Kopf gesetzt hatten den Global Change nun selbst in die Hand zu nehmen. Ich begriff sofort, dass dies eine Chance sein sollte, für mich und für die Menschen überall auf der Welt. An diesem Tag begannen viele von uns, sich das erste Mal zu organisieren.
Kampf um Ressourcen
Das Bild der Welt ist grausam. Wir versklaven Menschen in ärmeren Regionen und mittlerweile auch bei uns daheim. Wir führen Kriege um Ressourcen. Wir zerstören mit der fehlenden Nachhaltigkeit der Produktion den Planeten und alles was auf ihm einst gedieh und blühte. Uns erwarten Wassermangel, das Ende der Öl- und Gasvorkommen, Umweltkatastrophen ungeheuren Ausmaßes und immer mehr Kriege auf allen Kontinenten der Erde. Es schreibt sich leicht in dieser verkürzten Fassung, doch wenn ich manchmal daheim sitze und näher darüber nachdenke, bekomme ich Angst und Wut. Denn ich weiß, dass ich durch die Integration in das existierende System zu all diesen Grausamkeiten in der Welt beitrage.
Ich kann fast nicht anders, denn ich bin von den Produkten die hier verkauft werden abhängig und ich muss meine Steuern und Abgaben zahlen wie jeder andere auch. Ansonsten bekomme ich Probleme mit den vermeintlich legitimen Herrschern. Das macht mich wütend. Immer wenn ich mit meinem Fahrrad durch die Straßen fahre oder durch die „heiligen“ Hallen eines Konsumtempels gehe, werde ich wütend. Ich sehe Menschen die selbst Opfer des Systems sind und werde dennoch wütend dass sie es nicht schaffen aufzuwachen, aufzustehen. Sie kaufen tonnenweise Fleisch und transportieren es 2 km weiter nach Hause. Mit dem Auto, versteht sich. Sie unterhalten sich an der Kasse darüber, ob sie Germanys next Flopmodel schauen werden oder doch früher schlafen gehen sollten. Mich macht die Welt da draußen mit all Ihrer Ignoranz bei jedem Atemzug wütend und ich bin nur noch im Beisein von anders denkenden Menschen wirklich glücklich. Menschen die sich ebenfalls für eine bessere Welt einsetzen und Menschen welche bewusst mitten in der Stadt auf Gehwegen kochen damit andere sehen was es bedeutet gemeinschaftlich zu handeln. Und ich sehne jeder neuen Demo entgegen in der ich lauthals meine Verbitterung und meine Wut gegen dieses kapitalistische System äußern kann. Letzteres ist mein Ventil, Gemeinschaft mein Zuhause und Aufbegehren gegen das System mein Beruf geworden.
Kampf im Geiste
Es ist ein sehr schwieriger Beruf, man glaubt es kaum. Eine Gemeinschaft von Menschen welche stark vom System geprägt sind und dessen Spiel nicht mehr mitspielen wollen. Der Kampf findet nicht, wie immer so schön gesagt wird, nur auf der Straße sondern vor allem unmittelbar in unseren Köpfen statt. „Alles was dumm und scheiße ist findet hier statt, direkt hier!“ (Empire St. Pauli, Dokumentarfilm 2009). Es gilt, sich von den ungesunden Egos zu verabschieden, sein Vorteilsdenken abzuschalten, zu teilen, zu lieben und gerecht zu handeln. Die Veränderung des Systems in unseren Köpfen ist der Übungsplatz auf welchem wir lernen und trainieren wieder miteinander zu leben und gemeinsam zu handeln. Aber eigentlich haben wir gar keine Zeit zum Üben, denn die Zerstörung des Planeten schreitet rasend schnell voran, es werden Menschen in Flugverbotszonen abgeschlachtet und riesige Ölteppiche verseuchen unsere für das Klima enorm wichtigen Meere. Das System sieht einen globalen Aufstand kommen und rüstet sich rechtlich und militärisch dagegen auf. Wir wissen nicht wie viel Zeit uns noch bleibt, bevor es zu spät ist das System zu kippen, durch ein neues zu ersetzen. Wir wissen nicht wie lange wir dafür brauchen. Wann ist es endlich soweit dass eine signifikante Zahl an Menschen weltweit aufgewacht ist und gemeinsam ruft: „Nicht in meinem Namen!“ (Berliner Aufruf zum 13o #globalNOISE).
Doch hat man die Notwendigkeit erst einmal erkannt, gibt es kein Zurück mehr. Ich kann mir nicht vorstellen jemals wieder in mein altes Leben zurück zu kehren um einen Job anzunehmen der Gutes für die Umwelt tut, solange die Investoren zufrieden mit der angebotenen Rendite sind. Früher sagte ich immer: „Hauptsache ich verkaufe keine Waffen“. Heute sage ich: „Hauptsache ich kann meine Kräfte gegen dieses System einsetzen“. Dafür bringe ich Opfer. Denn das Opfer wird mir von der Welt sowieso abverlangt. Ich kann entscheiden für was ich es gebe. In die Entwicklung einer besseren Welt oder zur Stärkung der Leistungsfähigkeit eines ausbeuterischen, mordenden und zerstörerischen Systems.
Neue Wege einschlagen
Ich bin glücklich diesen Weg gefunden zu haben. Das erste Mal in meinem Leben habe ich wirklich das Gefühl etwas Gutes zu tun. Für etwas Gutes zu stehen. Es gibt nichts, womit ich von der Entscheidung diesen Weg zu gehen abgebracht werden könnte. Selbst wenn Sie mich eines Tages dafür einsperren oder erschießen sollten, weiß ich, dass ich meinem Leben einen guten Sinn gegeben habe. Es gibt nur eine Sache welche mich hin und wieder traurig stimmt: Dass meine Ideale, meine sich daraus ergebende Aufgabe und die in mir kontinuierlich existierende Wut dazu geführt haben, dass ich vielen meiner Freunde nicht mehr ohne weiteres begegnen kann. Ich hab sie alle noch immer gern, doch sie können mich nicht begleiten. Wir verstehen uns nicht mehr so gut. Wir leben in verschiedenen Welten. Doch eines Tages werden wir alle etwas besser verstehen was heute passiert ist.
Bis dahin jedoch genieße ich jeden kleinen Erfolg in unserem gemeinsam organisierten Global Change. Wie immer sind es auch hier die Kleinigkeiten welche am meisten Freude bereiten. Freunde welche plötzlich anfangen sich politisch zu engagieren, Zermürbte Gemüter die inspiriert durch meinen Einsatz selbst wieder aktiv werden und das stetige Zusammenwachsen einzelner Gruppen. Und auch die großen Dinge sind ein Schmaus für die Seele. Bunte Regenschirme die sich wie ein Lauffeuer über die Plätze Berlins verteilen, hoch motivierte Organisatoren für den 13o und überhaupt die vielen politischen Veranstaltungen die im diesjährigen heißen Herbst schon angesagt sind. (Siehe auch Friedensdemo am 15. September 2012) Am meisten gespannt bin ich auf den 13. Oktober, denn ich bin sicher: positive Geschichte lässt sich widerholen! Let‘s rock the Change!
Falk Röder ist Berliner Occupy-Aktivist und engagiert sich derzeit intensiv für das Projekt „Global Change Factory“.



Pingback: Falk (ich^^)schreibt aus seinem Aktivistenleben: | alex11 – aCAMPada Berlin – Occupy Berlin
Pingback: Zeiten des Wandels: eine Sammlung von Links auf dem Weg in ein neues Zeitalter – September 2012 « architektur, umwelt + bewusstsein Irmgard Brottrager