Ali Al Dailami:Durch Unterstellungen wird eine Analyse nicht besser!

In der letzten Woche veröffentlichten wir einen umfangreichen Text von Niema Movassat zu der Situation in der arabischen Welt. Als Antwort auf diese Analyse zu der Situation in der arabischen Welt schrieb das Bundesvorstandsmitglied Ali Al Dailami eine Replik, die sich mit der “falschen” historischen Einordnung  in Niemas Text beschäftigt. Auf Grund dieser Replik schrieb Niema Movassat einen weiteren Text, in dem er sich mit den Argumenten beschäftigt, die gegen seine Analyse vorgebracht werden.
Die inhaltliche Auseinandersetzung wird nun durch eine weitere Antwort von Ali Al Dailami fortgesetzt, die wir euch natürlich präsentieren möchten:
Lieber Niema,
Liebe Genossinnen und Genossen,
meine Replik war und sollte auch keine umfassende Analyse der arabischen Welt sein, sondern wie der Name schon verrät, eine Antwort, in welcher ich versuchte auf meines Erachtens nicht richtige Behauptungen aufmerksam zu machen. Ich ziehe meine Analysen aus den Informationen von Freunden welche vor Ort waren und sind aber auch von dortigen Parteien und da ich der arabischen Sprache mächtig bin, auch aus dementsprechenden Medien, deren Inhalt sich sehr von den hiesigen unterscheidet.
Sicherlich, wir haben beide verschiedene Analysen, dass Niema Movassat aber aus meiner Kritik an einzelnen Punkten gleich auch Schlussfolgerungen zieht und diese mir auch zuschreibt, die nichts aber auch nichts mit meiner Haltung zu tun haben, die er sicherlich kennt, finde ich anmaßend.
Weder habe ich eine Diktatur verteidigt noch den Protestierenden in der arabischen Welt die Legitimität ihres Protests abgesprochen. Ich finde es nicht nur schade, sondern vor allem für die Debatte nicht hilfreich, wenn man mit Verdächtigungen und Unterstellungen arbeitet, auch wenn diese in Frageform erfolgen. Im Gegenteil, indem man jemanden unterstellt Diktatoren zu unterstützen, nimmt man nicht nur in Kauf eine Debatte abzuwürgen sondern ist geradezu darauf aus.
Ich möchte dies an drei Beispielen deutlich machen ohne jetzt auf die anderen Punkte von Niemas Analyse einzugehen, denen ich immer noch nicht zustimmen kann.

So werden wir uns z.B. was die Bedeutung der Muslimbrüder anbelangt nicht einig. Allerdings behauptest du:

Du schreibst, die Muslimbrüder hätten zur Eskalation beigetragen. Das finde ich wirklich krass. Mal abgesehen davon, wie man die Rolle der Muslimbrüder einschätzt-soll das heißen, es sein kein Legitimer Aufstand gegen eine Diktatur gewesen? Sind friedliche Demonstrationen, zu denen erfreulicherweise Hunderttausende von Menschen kommen, neuerdings eine Eskalation? Mubarak demnach in Ordnung., und die Menschen die Millionenfach unter Lebensgefahr auf die Straße gingen, haben die Situation eskalieren lassen?

Du kennst sehr wohl meine Position zu den Protesten in Ägypten und Tunesien. Ich habe diese von Beginn an unterstützt und war auf einigen Solidemos. Eskalation bedeutet nichts anderes als „steigern“ oder auch „verschärfen“. Ja, es ist eine Verschärfung bzw. Steigerung der Situation wenn aus einigen tausend Demonstranten hunderttausende werden. In keinster Weise habe ich den Protestierenden die Legitimität abgesprochen zu demonstrieren, noch habe ich Mubarak verteidigt noch, wie von dir unterstellt, für „in Ordnung“ befunden. In diesem Fall unterstellst du mir einfach ein Haltung, die nicht ist und die du besser kennen müsstest.
Weiter schreibst du :“ Wie du jetzt den Iran ins Spiel bringst, ist mir schleierhaft. Willst du etwas sagen, die Protestierenden Menschen in Bahrain seien in Wirklichkeit vom Iran aufgestachelt worden und nicht einfach von sich aus auf die Straße gegangen? Das halte ich wiederum, wie bereits im Falle Ägyptens, für eine ziemlich gewagte Behauptung., die wohl kaum den Zuspruch der Protestierenden in Bahrain bekommen würde.

Und auch hier wird aus einer wertneutralen Tatsache, nämlich dass der Iran die verarmte schiitische Bevölkerung im Bahrain finanziell unterstützt und Imame aus Bahrain im Iran religiös unterweist, welche du nicht abgestritten hast, eine Unterstellung in Frageform. Mit keiner Silbe habe ich behauptet, dass der Iran die Protestierenden in Bahrain aufstachelt.
Nachdem ich auf die ökonomischen Tatsachen in Libyen hingewiesen habe schreibst du:

Lieber Ali, das geht nun wirklich zu weit. Ich habe nie behauptet zu wissen, was für die Libyer am besten ist. Du hingegen scheinst überzeugt davon zu sein, zu wissen, wie gut es den Libyern geht und das Gaddafi die beste Wahl für sie ist. Was du dabei vollkommen übersiehst, ist das Agieren Gaddafis: Er spricht sich für die Todesstrafe gegen die Protestierenden aus und unterdrückt die Opposition seit Jahren brutal. Und wie er mit Flüchtlingen in Kooperation mit der Grenzschutzagentur Frontex umgegangen ist, weißt du genauso gut wie ich. All das allein ist doch schon ein legitimer Grund, gegen ihn zu protestieren, das kann auch kein noch so hohes durchschnittliches Pro-Kopf-Einkommen ausgleichen. Was ist das denn überhaupt für ein Ansatz?

Und auch hier wird aus einer Tatsachenaufstellung meinerseits, eine Unterstellung deinerseits. In der mir unterstellt wird, ich wüsste, dass Gaddafi die beste Wahl für die Libyer sei. Mit keiner Silbe habe ich das für mich in Anspruch genommen noch habe ich das durchschnittliche Pro Kopf Einkommen als Argument benutzt um Menschen ihr Recht auf Meinungs- und Demonstrationsfreiheit abzusprechen. Ich verwies lediglich darauf, dass viele Libyer den Ansatz verfolgen mit Gaddafi lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach zu haben. Mit keinem Wort habe ich Gaddafi verteidigt, zumal du wissen müsstest, dass ich als jemand der selbst aus seinem Lande fliehen musste, sowohl die Migrationspolitik der EU als auch diejenigen welche sich mit ihr gemein machen, ablehne.
Mit den Unterstellungen kann ich leben denn sie sagen alles über denjenigen aus, der sich solcher Methoden bedient. Schließlich wurde mir auch schon von anderer Seite unterstellt, ich sei „Islamophob“ weil ich den Muslimbrüdern ein großes Gewicht zugestehe. Handelte es sich hier nicht um Ägypten sondern um Israel und wäre die größte Oppositionsgruppierung jüdisch, so wäre ich dieser Logik nach auch Antisemit. Ein Totschlagargument also, mit welchem man auch hier darauf aus ist die Debatte durch Unterstellungen abzuwürgen.

Es geht mir vielmehr um die Frage wie man mit Kritik umgeht und ob man es schafft diese aufzunehmen und als Bereicherung für die Debatte zu betrachten, und dies hat mit Pluralismus zu tun und damit ob man aus der Geschichte linker Bewegungen gelernt hat.

In diesem Falle scheint dies nicht zu gelingen. Eine Kritik wird wohl als „Angriff“ verstanden und es wird durch Unterstellungen in Form von Fragestellungen suggeriert man mache sich mit Diktatoren gemein.

Dies ist nicht nur was die politische Umgangsform anbelangt, ein Offenbarungseid, sondern wird zumindest meinem Anspruch an eine solidarische Debattenkultur nicht gerecht.
Wir schreiben uns Rosa Luxemburgs Losung „ Freiheit ist immer Freiheit des Andersdenkenden, sich zu äußern.“ auf den Fahnen und kaum hat jemand eine andere Analyse, vielleicht nicht mal eine andere Schlussfolgerung, schon wird mit Verdächtigungen und Hypothesen gearbeitet, die letztlich dazu beitragen, jemanden in den Dunstkreis von Diktatoren und Herrscherfamilien zu manövrieren und ihm somit automatisch eine demokratische Gesinnung abzusprechen.
Dies resultiert entweder aus einer Unsicherheit, was die eigene Position anbetrifft oder es ist einfach eine Methode eine Meinung durchzusetzen allen demokratischen Spielregeln zum Trotz.
Solidarische Grüße,
Ali Al Dailami
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