Islamfeindlichkeit in Deutschland

Das Muslime von der deutschen Mehrheitsgesellschaft kritisiert werden und ihnen Hass und Ressentiments entgegenschlagen dürfte keinen überraschen, das Buch von Thilo Sarrazin hat dies nochmal deutlich gemacht. Die Umfrage der Friedrich-Ebert-Stiftung hat gezeigt wie weit diese Feindschaft verbreitet ist. Die Islamfeindlichkeit ist nicht erst mit dem 11. September 2001 entstanden, sie ist mehr als 1000 Jahre alt. Der Berliner Islamwissenschaftler und Rassismusforscher Prof. Achim Bühl legt ihre Ursprünge offen.

Das Buch kann in zwei Teile eingeteilt werden. Die erste Hälfte, die ca 120 Seiten umfasst, beschäftigt sich mit dem Islam und der Entwicklung der Islamfeindlichkeit in Europa. Dabei geht er auf die Kreuzzüge, die Hetze gegen Türken im Mittelalter, Martin Luthers Antisemitismus und Islamfeindschaft, die Reconquista in Spanien, der Orientalismus, Karl May, Max Weber und die deutsch-türkischen Beziehungen ein. Ihm fogt eine Beschreibung der heutigen Darstellung des Islams und seiner angeblichen Unterschiede zu dem christlich-jüdischen Abendland, ein Begriff der in der Wissenschaft keinen Nährboden findet.

Historische Islamophobie

In dieser ersten Hälfte sind neben einigen interessanten Überlegungen, wie etwa über die Bedeutung der Reconquista für weitere Entwicklungen von Antisemitismus und Islamfeindlichkeit, viele kritisierenswerte und auch teilweise falsche Aspekte zusammengeschrieben.  Die historische Islamfeindschaft erkennt der Autor des Buchs deutlich, die Begründung und die Quellen, die er dafür nennt, genügen wissenschaftlichen Standarts nicht im geringsten und können so wenige Kritiker der These überzeugen. Der erste Teil scheint notwendig für die Einordnung und Erkenntnis der heutigen Rassismus, eine Einleitung, die sich auf diesen Bereich beschränkt oder eine wissenschaftliche Aufarbeitung wären aber sinnvoller gewesen um die heutige Situation zu analysieren.

Islamfeindschaft heute

Der zweite Teil seines Werks ist für den aktuellen Diskurs deutlich wertvoller, da er eine Aufarbeitung der vorhandenen Positionen und deren Beweggründe liefert. Der Autor zeigt deutlich, dass die Kritik im Islam, keine moderne und emanzipatorische Religionskritik ist, die sich mit den Fehlern in den verschiedenen Religionen auseinandersetzt, sondern eher eine Sammlung von verschiedenen rechtspopulistischen Argumentationsmustern. Bühl erkennt acht verschiedene Arten, in die sich die aktuelle Islamkritik,  unterteilen lässt, die erste ist der Rechtspopulismus (wie ihn verschiedene deutschen Autoren vertreten), bestimmte Spielarten des Elitefeminismus, technokratisch-kolonialistische Teilaspekte der Aufklärung als Heilmittel für die ganze Welt, muslimisches Renegatentum, Kulturalismus/ Biologismus, christlicher Fundamentalismus (wie er von reaktionären Akteuren in der Kirche vertreten wird), Rechtsradikalismus (in der Art der NPD) und mediale Inszenierung des Islam. Er geht dabei nicht nur auf verschiedene Arten der “Islamkritik” ein, sondern auch auf maßgebliche Akteure wie Necla Kelek, Seyran Ates, Ralph Giordano, Hans-Peter Raddatz und der Aktion 3. Welt Saar.

Medien und Islamophobie

Wie sein Kollege Werner Ruf, geht auch Bühl auf die Rolle der Medien und deren Stimmungsmache gegen den Islam und die Muslime ein. Dabei beleuchtet er die verschiedenen Typen und Arten von Stimmungsmache gegen Muslime und Islam, von rechten Medien über die Auswahl der Bilder in bürgerlichen Zeitungen, bis zu Kurzeinblendungen in Nachrichtensendungen. Eine der wichtigsten Erkenntnisse lässt sich zum Ende des Werks finden:

„Der Fremdenfeind sowie der Rassist bleiben [...] das, was sie sind: politische wie soziale Täter, die sich keineswegs überzeugen lassen wollen, weil sie in der Regel sehr wohl wissen, warum sie etwas wie artikulieren und öffentlich äußern. [...] Der spanische vormoderne Rassismus belegt, dass der Rassist auf die Existenz des Anderen zielt und sich von besseren und sachadäquateren Argumenten kaum überzeugen lässt.” (S.291)

Achim Bühl hat ein interessantes Werk geschaffen, dass einen wichtigen und notwendingen Überblick über die aktuellen Debatten liefert. Man mag nicht allen Einschätzungen zustimmen, einen Anreiz zur Fortbildung und zur Entwicklung eigener Argumente liefert das Buch auf jedenfall.

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