Autorenarchiv

Wo ist Xi Jinping?

Die in China herrschende Kommunistische Partei hat es schwer. Neben kritischen Intellektuellen wie Ai Weiwei und Liu Xiaobo, massenweise protestierenden Arbeitern und sporadischen Bauernunruhen auf dem Land gibt es auch Skandale und Spekulationen um die Parteiprominenz.

Der jüngste Skandal dreht sich um das Verschwinden des chinesischen Vizepräsidenten Xi Jinping vor einigen Tagen. Ende letzten Jahres noch schrieb Die Presse über ihn:

Der bisherige Vizepräsident Xi Jinping dürfte als künftiger Parteichef und gleichzeitig als Staatspräsident feststehen, sagen langjährige Beobachter der politischen Szene in Peking: Als Sohn eines Revolutionärs der ersten Stunde und ehemaligen Vizepremiers hat er Rückhalt sowohl unter mächtigen Provinzchefs als auch im Militär.

Bei euronews hört man nun, Mitte September 2012, dagegen:

Wo ist Xi Jinping? Seit zehn Tagen zeigt sich der designierte chinesische Präsident nicht mehr in der Öffentlichkeit. Erst heute lieferte die Partei eine offizielle Lesart: Xi Jinping hat sich am Rücken verletzt. Ungewöhnlich ist dabei, dass der zukünftige Führer der zweitgrößten Weltwirtschaft gleich vier Abordnungen versetzte, darunter die weitgereiste US-Außenministerin Hillary Clinton und die dänische Ministerpräsidentin Helle Thorning-Schmidt. Diesen Beitrag weiterlesen »

Gilbert Achcar über den Kampf zwischen Zionismus und Antizionismus im Nahostkonflikt, Teil 1

Die Araber und der Holocaust

Eine jede Betrachtung des Nahostkonfliktes ist überschattet vom arabisch-israelischen Krieg der Geschichtsschreibungen. Der Professor für Entwicklungspolitik und Internationale Beziehungen an der School of Oriental and African Studies in London, Gilbert Achcar, hat dem Thema ein Buch gewidmet. Achcars Buch “Die Araber und der Holocaust” (2012 bei Edition Nautilus erschienen) ist ein wertvoller Beitrag, der dabei hilft, “die Logik des Krieges der Narrative zu beleuchten”, wie Achcar selbst hofft.

Achkars humanistische und wissenschaftliche Perspektive

Achcar schreibt im Vorwort zur deutschen Ausgabe des Buches über seine Motivation:

So hoffe ich, dass die deutsche Ausgabe meines Werks dazu beitragen wird, Licht in die Finsternis zu bringen, die der Instrumentalisierung dieses Konflikts Vorschub leistet, und all jenen Argumente zu liefern, die allein von dem beseelt sind, was die deutsche Geschichte an Wertvollstem hervorgebracht hat – Humanismus und Internationalismus.

Achcar schreibt also ganz im Sinne der humanistischen Ideen solcher Denker wie Karl Marx. Einseitige Parteinahme für die eine oder andere Bevölkerung lehnt er ebenso ab wie die verschiedenen mehr oder weniger versteckten Formen von Rassismus, Nationalismus, Antisemitismus oder religiösem Fanatismus. Einerseits kritisiert er all die Vertreter der Israelkritik und des Antizionismus, die nicht zugleich am Humanismus und Wohl aller Menschen orientiert sind. Er kritisiert andererseits auch reaktionäre Vertreter der pro-israelischen Seite, des Zionismus, die das Wohl des israelischen Staates über das Wohl der Menschen im Nahen Osten stellen. An solchen Zionisten kritisiert er vor allem auch, dass sie sogar den Völkermord an den Juden wie auch üble Antisemitismus-Vorwürfe instrumentalisieren, nur um jede Politik des israelischen Staates heilig zu sprechen. Diesen Beitrag weiterlesen »

Staatskapitalismus in China von 1925 bis 1989

Tianamen Square – Quelle: Flickr – Bild: ¡Carlitos

“The Road to Tiananmen Square”, ein Büchlein von Charlie Hore über den Staatskapitalismus in China zwischen 1925 und 1989  ist zwar nur noch antiquarisch zu haben, aber eine Lektüre lohnt sich für jeden, der an China oder an der Arbeiterbewegung interessiert ist!

Der chinesische Bürgerkrieg und der Sieg der KP Chinas

Noch Anfang des 20. Jahrhunderts war China ein unterentwickeltes Land, dass vom Westen unterdrückt, ausgeplündert und gedemütigt wurde. Die verfaulende Kaiserdynastie der Qing, die sich dem Westen demütig unterordnete, regierte noch bis 1911. Erhebungen der empörten Bevölkerung ermöglichten den Sturz der verhassten kaiserlichen Herrscher. Aber China war seit dem jahrzehntelang zwischen rivalisierenden Machthabern geteilt, deren Macht auf militärischer Gewalt beruhte. Die Bevölkerung wollte diese korrupten Diktatoren endlich loswerden und endlich in einer besseren Gesellschaft leben. Die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) unter Mao Zedong schien eine Alternative zu bieten. Daher gewann sie den Kampf gegen alle anderen politischen Rivalen in China nach einem langen Bürgerkrieg. Am 1. Oktober 1949 proklamierte Mao Zedong schließlich die Gründung der Volksrepublik China auf dem Platz des himmlischen Friedens in Peking. Charlie Hore schreibt dazu: Diesen Beitrag weiterlesen »

Werner Seppmann analysiert die verleugnete Klasse

Wir befinden uns in einer schmutzigen Fabrik. Es donnert und hämmert so laut, dass die Ohren weh tun. Es raucht und dampft. Die alten Glühbirnen flackern oder sind ganz erloschen. Es ist daher stockfinster. Die Temperaturen erreichen auch in einer Winternacht noch 40° C. Mit geschwollenen Händen arbeitet ein alter Mann mit 3-Tage-Bart am Fließband. Schweiß tropft von seiner Nase. Die Monotonie der Fließbandarbeit sind ihm anzusehen: leblos blicken seine ermüdeten Augen in Richtung Fließband. Neben ihm stehen dutzende Kopien dieser Szenerie am nächsten Band.

Nur: Sehen so Arbeiter aus? Ist das nur ein Klischeebild? Ist das nur noch Vergangenheit? Oder kann ein Arbeiter auch ganz anders aussehen? Werner Seppmann, ein Leo Kofler-Schüler und Vorstandsmitglied der Marx-Engels-Stiftung, zeigt in seinem Buch “Die verleugnete Klasse” (erschienen 2011), dass es auch heute noch eine Arbeiterklasse gibt und wie diese in Deutschland aussieht. Diesen Beitrag weiterlesen »

Ein marxistischer Einzelgänger, der durch Größe und Freiheitsliebe beeindruckte

Begegnung mit Leo Koffler

Dem 1995 verstorbenen Marxisten und humanistischen Aufklärer Leo Kofler ist ein Lesebuch gewidmet, das neidisch macht, dieser so integeren Persönlichkeit nie selbst begegnet zu sein.

Ganz zu Unrecht unbekannt

Adorno, Horkheimer, Marcuse – das sind Namen westdeutscher Nachkriegslinker, die der linken Jugend noch zu Recht halbwegs geläufig sind. Fast ganz vergessen ist dagegen ganz zu Unrecht der Name Kofler. Denn Leo Kofler (1907-1995) überragte solch bedeutende Intellektuelle nicht nur körperlich mindestens um einen Kopf, sondern auch intellektuell und politisch, und da mindestens um zwei Köpfe.

Ernst Bloch, der weltbekannte Philosoph des Prinzips Hoffnung, lobte an Kofler, er wende „das ganze detektorische Vermögen des Marxismus“ bei der Kritik des Kapitalismus des 20. Jahrhunderts an. Der bedeutende Marxist Georg Lukacs, der zu Koflers Lehrern gehörte, lobte Kofler für seine Gegnerschaft Adorno gegenüber. Denn Adornos “Marxo-Nihilismus” habe den leidenschaftlichen Revolutionär Marx sozusagen zum toten Hund gemacht. Das Buch geht auf solche Freundschaften und Animositäten in zahlreichen Beiträgen ein. Die Beiträge kommen von Menschen, die Leo Kofler persönlich begegnet waren. In ihnen wird Koflers persönlicher und politischer Charakter sehr plastisch dargestellt: ein prinzipientreuer und eigensinniger Marxist und Humanist.

Eingeleitet wird das Lesebuch durch die Herausgeber Jakomeit, Jünke und Zolper, die in ihrem Vorwort erklären, wieso Kofler heute noch so wenig bekannt ist: Diesen Beitrag weiterlesen »

Eine nicht gehaltene Rede an den Minister

Unser Verteidigungsminister - Bild von Alex

Am 30. Mai 2012 lud der CDU-nahe RCDS Köln den so genannten Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) zum Thema “Wozu noch dienen? Die Bundeswehr als Freiwilligenarmee” ein. Leider hatte eine kritische Teilnehmerin dieser kriegsverherrlichenden Veranstaltung an der Universität zu Köln keine Gelegenheit, die unten dokumentierte Rede an den Kriegsminister zu halten. Außerdem möchten wir darauf hinweisen, dass wir nicht glauben, dass Soldaten schuld am Krieg sind. Aber Soldaten sind dennoch für ihr Handeln verantwortlich und könnten auch Widerstand leisten.
Vielen Dank an den Kölner RCDS und die Kölner CDU für diese Gelegenheit für uns Studis an der Uni Köln, uns mit dem Herrn Verteidigungsminister austauschen zu dürfen.

Vielen Dank auch an Sie, Herr de Maizière, für ihren Besuch. Diesen Beitrag weiterlesen »

Ist China kommunistisch und kapitalistisch zugleich?

Die Volksrepublik China (VR China) ist seit ihrer Gründung 1949 Gegenstand kontroverser Debatten im linken und demokratischen Spektrum. Nach Mao Zedongs Tod lieferten die einschneidenden Reformen seit 1978 Stoff für neue Fragen wie: Ist China heute kapitalistisch? Oder: Ist China noch immer irgendwie kommunistisch? Diesen beiden Fragen widmet sich dieser Artikel.

Datei:Flag of the People's Republic of China.svgIst die VR China kommunistisch und kapitalistisch zugleich?

Wenn die Volksrepublik China in den Medien kritisiert wird, wird nicht selten etwa vom “kapitalistischen Kommunismus” oder von “kommunistischen Kapitalisten” gesprochen. China sei also zugleich kommunistisch und kapitalistisch. Aber wie kann das sein?

Die VR China wird seit 1949 von der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) regiert. Diese Partei versteht sich selbst also als kommunistisch und sieht in China eine sozialistische Gesellschaft. Sie predigt den Kommunismus als Fernziel, feiert die eigene revolutionäre Vergangenheit und ehrt den 1976 verstorbenen Vorsitzenden der KPCh Mao noch immer. Sie stellt das eigene System als erfolgreiche Alternative zum westlichen System dar und legitimiert sich mit der eigenen Rolle bei der Stabilisierung von Gesellschaft und Wirtschaft Chinas. Ihre Wirtschaft nennt die KPCh eine “sozialistische Marktwirtschaft”, die anders sei als der Kapitalismus im Westen, weil die KP ja noch ein Auge auf den Markt hat und ihn bändige, weil der staatliche Sektor noch immer einen großen Teil der Wirtschaft ausmacht und weil das Fernziel eben noch der Kommunismus sei. Diesen Beitrag weiterlesen »

Antisemitismus und die Lehren aus der Geschichte

Im Jahr 2007 erschien “Antisemitism. A Very Short Introduction” des liberalen Historikers Steven Beller. 2009 erschien diese gute Einführung bei Reclam auch auf Deutsch. 172 Seiten sind natürlich viel zu kurz, um so ein gewaltiges Problem abzuhandeln, aber die Stärke der Broschüre liegt ohnehin darin, dass sie die bedeutendsten Lehren zum Thema kurz und verständlich anhand der Geschichte selbst zusammenfasst. Diese Rezension geht auf einige wichtige Lehren ein, die man aus der Broschüre ziehen sollte.

Antisemitismus und Gesellschaft

Abgesehen von den heute noch sehr wichtigen Lehren aus der Geschichte, die sich dem Leser geradezu ins Herz brennen, und der Kürze des Textes ist es sein größter Vorzug, dass der Antisemitismus trotz seiner Komplexität verständlich wird. Der Autor mystifiziert ihn nicht als etwas bloß Irrationales und damit Unbegreifliches (wie nicht wenige frühere und heutige Autoren zum Thema), sondern versucht, den Antisemitismus trotz seiner irrationalen Seiten konkret im Zusammenhang mit Geschichte und Gesellschaft zu sehen, denn das

wird uns helfen, den Antisemitismus zu verstehen, und legt zudem einige Lehren hinsichtlich der Bekämpfung des Antisemitismus und anderer Formen des Vorurteils in Gegenwart und Zukunft nahe.

Ein Verzicht auf das Begreifen und Erklären des Antisemitismus in all seinen Formen dagegen würde heißen, die Lehren hinsichtlich seiner Bekämpfung nicht ziehen zu wollen.

Verschiedene Formen des Antisemitismus Diesen Beitrag weiterlesen »

Eine zugängliche Einführung in „Die revolutionären Ideen von Karl Marx“

Die revolutionären Ideen von Karl Marx

„Mit diesem Buch möchte ich eine Lücke in der Literatur über Marx schließen und eine zugängliche, moderne Einführung in sein Leben und seine Gedanken unterbreiten, geschrieben von jemandem, der seine grundlegenden Ansichten über Geschichte, Gesellschaft und Revolution teilt“, so, Alex Callinicos, der Autor des Buches „Die revolutionären Ideen von Karl Marx“. Callinicos ist Professor für European Studies am King’s College in London.

Das Buch sieht tatsächlich nicht nur modern aus, es bietet auch auf insgesamt 277 Seiten dem Leser von heute einen zugänglichen Einstieg in die Ideen des Revolutionärs. Der Autor schafft bei Einsteigern schnell Klarheit über Marx und den Marxismus und räumt häufige Vorurteile und Missverständnisse aus. Die acht Kapitel sind thematisch gut geordnet und führen jeweils in einen Bereich der Marxschen Betätigung ein. Literaturtipps zum Weiterlesen runden die Einführung ab.

So wird dem Leben des Revolutionärs das erste Kapitel gewidmet. Die Darstellung der Verbindung von humorvollem Geist und ernsthaftem Engagement macht Marx menschlich sympathisch. Marx wird weiterhin als Mensch mit Fehlern, aber auch als Schule machender Vordenker der Revolution porträtiert. Trotz finanzieller Probleme schaffte er es, sich über Jahrzehnte mit den verschiedensten sozialen Problemen zu befassen und sie oft auch theoretisch zu bewältigen, um ihre praktische Bewältigung zu fördern.

Das zweite Kapitel behandelt die verschiedenen Ideen des Sozialismus vor Marx und die politischen Bewegungen, die hinter diesen Ideen standen. Hier wird klar, dass der Sozialismus aus der bürgerlichen Aufklärungsphilosophie, also aus der aufklärerischen Hoffnung auf eine wirklich humane Gesellschaft einerseits und der Kritik am Kapitalismus andererseits hervorging. Die Sozialisten übernahmen die Hoffnung der Aufklärungsphilosophie, aber kritisierten ihre Idealisierung der kapitalistischen Gesellschaft. Doch der Sozialismus blieb bis dahin immer nur eine unerreichbare Utopie, ein utopischer Sozialismus. Diesen Beitrag weiterlesen »

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