Politisch links und für die DFB-Elf sein, geht das?!

Die Diskussion ist nicht neu, aber wir haben sie trotzdem nochmal geführt und unsere Argumente zu der Frage ausgetauscht: “Können Linke guten Gewissens die deutsche Fußballnationalmannschaft unterstützen?”. Herausgekommen politischer-intelektueller Dialog, der nicht an allen Stellen ganz ernst gemeint ist.
Ein Beitrag von Pedram Shahyar. Das Gespräch wurde hier veröffentlicht.
Mo: “Pedram, ich hab gehört du wirst bei der EM für die deutsche Nationalmannschaft sein. Und ich dachte immer, du seist ein Linker? Stehst du da dem Konstrukt der Nation, der ‘imaginierte Gemeinschaft’, nicht skeptisch oder sogar ablehnend gegenüber?”
Pedram: “Ja, ich bin linksradikal und auch bei dieser EM für das deutsche Team. Das war aber nicht immer so, es ging 2006 los und dafür gibt es vorallem drei Gründe: erstens spielt Deutschland seitdem einen offensiv ausgerichteten kreativen Fussball. Die alten auf körperliche und mentale Härte basierten deutschen Tugenden sind abgelöst von einer neuen Spielkultur des schnellen, schönen Spiels, das aber immer gepaart ist mit mannschaftlicher Geschlossenheit und Kollektivität. Das ist neben Spanien der “linke Fussball” in Europa. Dazu kam die multiethnische Vermischung im Team. Bei der WM 2006 haben wir zum ersten mal 5-6 Spieler mit Migrationshintergrund in der Mannschaft, also ähnlich wie in dem bundesdeutschen Durchschnitt. Bei dieser EM sind es 7, davon bis zu 5 Stammspieler, das Team ist noch ‘kanackiger’ als im gesellschaftlichen Durchschnitt. Wenn Fussball das Nationaltheater unserer Zeit ist, der Ort wo nationaler Identität kreiert wird, dann fühle ich mich zum ersten mal in den letzten Jahren im DFB Team repräsentiert. Das ist ein Teil der migrantischen Ankunft in Deutschland. Ich weiss noch wie bei der Finale 1986 das ganze Asylantenheim, wo wir waren, nach dem späten Tor zum 3:2 in einer Extase ausbrach (Batistuta war es glaub ich). Deutschland macht es einem nicht leicht, und am Anfag stand ein starkes “fuck you”, aber im Fussball sind wir Migranten drin und das ist seit 2006 doch ein wirklich guter Schritt in der kulturellen Etablierung Deutschlands als multiethnischer Gesellschaft. und zu guter Letzt: viele der deutschen Spieler kommen wirklich sympathisch rüber. Mit einem Kohler, Augenthaler oder Matthäus wusste ich nicht, was ich nach dem Feierabend zu sagen hätte. Aber mit einem Götze, Khedira, Schweinsteiger oder Boateng könnte man gerne in einem Club stehen, einen Drink nehmen und chillen.”
Mo: “Klar, ich stimme dir zu: Es ist ein Fortschritt, dass die deutsche Nationalmannschaft nicht mehr nur aus deutsch-deutschen Spielern besteht. Und wie wichtig das in Sachen Repräsentation von migrantischen Perspektiven ist, wurde mir letzte Woche nochmal klar. Da war ich im Wedding, wo ein Buch über die Boateng-Brüder vorgestellt wurde. Jerome Boateng war selber auch anwesend. Das hatte sich wohl rumgesprochen und eine Menge migrantischer Kids aus dem Kiez waren da, um einen Blick auf ihn zu erhaschen oder sogar ein Autogramm abzustauben. Mit ihm können sie sich identifizieren, weil er in seinem Leben vielleicht ähnlich Erfahrungen, wie sie gesammelt haben.
Er ist aber auch der “brave” Junge, der nicht aneckt. Sein Bruder Kevin-Prince hingegen wurde nach seinem Foul an Ballack damals überall rassistisch beschimpft. Dazu passt, dass die Soziologin Dagmar Schediwy bei ihren Befragungen von Fans zum Them Fußballpatriotismus (Interview in der taz) festgestellt hat, dass viele zwar die Nationalspieler mit Migrationshintergrund akzeptieren, aber nur weil sie eben ‘nützlich’ sind für Deutschland. Damit könnte sich in der öffentlichen Wahrnemung und in politischen Diskursen die Trennung von MigrantInnen, die uns “nützen” und solchen, die uns ‘ausnutzen’, wie es der dumpfe Rechtsaußen Beckstein unsäglicher Weise formuliert hat, verschärfen.”
Pedram: “Ja es stimmt, dass der hegemonialer Diskurs der Einwanderungsgesellschaft neoliberal konnotiert ist, also die Idee der Einwanderungsgesellschaft deswegen als gut gepriesen wird, weil es ökonomisch nützlich ist. Das symbolisiert sich auch in der neuen Identifikation mit den migrantischen Spielern, die “unser Spiel” besser machen. Aber wenn der Fussball ein Instrument ist, eine ökonomisch motivierte ethnische Modernisierung der deutschen Kultur voranzubringen, gegen eine reaktionäre Verweigerung der multiethnischen Realität, dann finde ich das schon mal gut. Dabei ist das ökonomischer Nützlichkeitsprinzip aber auch nicht total bestimmend. Die DFB steht für viele antirassistischen Kampagne, unter anderen die Werbung, wo die Eltern der Nationalmannschaftsspieler zusammen grillen, und alle Gesichter der Welt zusammenkommen. Das ist eher gelebter solidarische Zwischenmenschlichkeit, als reines Nützlichkeitsprinzip. Seit der Amtszeit von Theo Zwanziger als DFB-Präsident herrscht heir ein anderer Wind. Sicher, Sammer ist noch da und verkörpert die alten Deutschen Tugenden, Bierhoff steht paradigmatisch für den neoliberalen Zeitgeist. Aber letztlich strahlt der DFB sehr viel Positives gegen Diskriminierung in der Gesellschaft aus. Und by the way: rein fussballerisch machen die migrantischen Deutschen das Spiel auch nicht einfach nur besser, sondern stehen gerade für das, was dem Weissdeutschen lange gefehlt hat: Kreativität, Schönspielerei und Verspieltheit.”
Mo: “Trotz der Bemühungen des DFB, die sicherlich eine Vebesserung gegenüber dem Verhalten zu Rassismus in den 90ern darstellen, sehe ich trotzdem die Gefahr, dass eine erfolgreiche deutsche Nationalmannschaft auch chauvinistischen Tönen in der Öffentlichkeit auftrieb geben könnte. Klar, viele Leute wollen einfach nur den schönen Fußball der deutschen Nationalmannschaft feiern und daran ist auch nichts verwerfliche. Aber in der aktuellen politischen und wirtschaftlichen Lage können sich da schnell auch fußballbezogene Gefühle und Meinungen mit politischen Resentiments vermischen. Das durch die Finanzkrise geprägte Bild der Griechen als Versager, scheint sich dann z.B. bei einem frühen (und so wie es aussieht) wahrscheinlichen Ausscheiden im fußballerischen zu bestätigen. In einem unkritischen Blick auf die Europapolitik Angela Merkels sieht Deutschland aus, wie der Retter Europas, mit einem Gewinn der EM wären sie auch noch Meister.Europas. Letzters mag dann auf einer gefühlsmäßigen Ebene Legitimation für eine weitere Politik der Bundesregierung zur Durchsetzung deutscher Interssen in Europa sein. Ich bin deswegen für Frankreich! Die französische Mannschaft ist mindestens genauso migrantisch geprägt, wie die deutsche und spielt ebenfalls schönen Offensivfußball. Dazu kommt, dass die Franzosen und Französinnen einen linken Präsidenten gewählt haben, der in Europa nicht auf Austerität sondern auf Solidarität setzt. Das scheint sich auch in der Mannschaft widerzuspiegeln. Denn wie spielverlagerung.de in ihrer Analyse schreiben, spielen ‘Les Bleus’ nach dem Motto ‘liberté,
égalité, fraternité”. Alle bringen ihre individuellen Stärken ein und unterstützen sich in ihrem Spiel gegenseitig, indem sie versuchen die Schwächen der jeweils anderen Spieler auszubügeln. So sollte auch ein solidarisches Europa aussehen.”
Pedram: “Klar, die Grenze zwischen Patriotismus und nationaler Chauvenismus ist fliessend. Aber bei Fussballturnieren ist der aggressiver Element der kollektiven Identität immer mehr abgeschwächt. Das ist ein spannender Trend der letzten 2-3 Jahrzehnte, also der neuen Periode kultureller Globalisierung. In Zeiten der kulturellen Entgrenzung ist das Schwingen der Nationalfahne bei den Turnieren eher folkloristisch zu verstehen als aggressiv nationalistisch. Was Frankreich angeht, stimme ich Dir voll zu. Sie waren die ersten, die ihre multiethnische Vermischung in Fussball organisierten und wurden promt mit der Welt- und Europameisterschaft belohnt. Das große Bild von dem ‘Araber’ Zidane projeziert auf dem Arc de Triumph wurde nach dem WM Finale 1998, bedeutet für die arabischen Migranten dort mehr als vieles zuvor. England hat es immer noch nicht geschafft, Fussballstars mit indischen oder pakistanischen Hintergrund hervorzubringen, also wird es auch wieder nix mit einem Titel. Allerdings sollten wir nicht frankophile Illusionen heimfallen: 20 % dort wählen rechtsradikal. Das schöne ist, dass dieser Teil sich schwer mit der Nationalmannschaft identifizieren kann. Dazu kommt noch dass Frankreich sich endlich von dem Verbandsbürokraten als Trainer gelöst hat, und mit Laurent Blanc, einer aus der goldenen Generation, eine Trainer hat, der mit der ‘offensiven Fludität’ eine Revolution im Taktik probieren. Also da bin bei Dir, neben Deutschland gönne ich den Titel Frankreich, werd im Wettbüro aber sogar einen 10er auf Frankreich setzen.“
Mo: “Ok, dann hoffen wir also auf ein Finale Deutschland gegen Frankreich, bei dem mindestens eine Drittel der Spieler auf dem Platz nicht nach den den völkischen und rassistischen Vorstellungen von Rechtsextremen in beiden Ländern gar nicht auf dem Platz stehen dürften. Dann ärgern sich die Faschos und hören in naher Zukunft vielleicht hoffentlicht auf Fußball zu gucken!”
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Gast

