Islamfeindlichkeit – Der neue Rassismus! (Teil 1)

Rassismus früher und heute! - Bild von:sanspareille

Eine neue Form des (Alltags-)Rassismus ist ein starkes Ressentiment gegen Islam und Muslime, wie sowohl nationale, als auch internationale Studien belegen.1 Da sich ein Begriff wie „Anti-Islamismus“ auf Grund der Existenz einer extremistischen Form von Islamismus verbietet, wird das Phänomen mit anderen Bezeichnungen zu erfassen versucht. Neben „Islamfeindlichkeit“, „Anti-Muslimismus“, „anti­muslimischer Rassismus“ oder „antiislamischer Rassismus“, gibt es den Begriff „Islamophobie“.

Letzterer ist eine Ableitung von „Xenophobie“ und in verschiedenen Bedeutungen seit ca. 100 Jahren existent. Zur Bezeichnung des Phänomens der Islamfeindlichkeit wurde er 1997 vom britischen Runnymede Trust in die wissenschaftliche Diskussion eingeführt. Er ist zu recht umstritten auf Grund des Wortteils „Phobie“, das falsche Rückschlüsse nahe legt, sowie auch auf Grund seiner Instrumentalisierung durch bestimmte Kreise, was wiederum gerne von Leugnern dieser Form des Rassismus benutzt wird, um mit dem Wort auch gleich die Existenz des Problems abzulehnen.

Wie beim Begriff des „Antisemitismus“, der auch nicht korrekt das Phänomen umreißt, das er bezeichnet, und in Anerkennung der Tatsache, dass sich die international verwendbare Bezeichnung „Islamophobie“ vermutlich durchsetzen wird, geht es hier um die Bedeutung vorrangig vor einer Begriffsdebatte. Ich verwende alle Begriffe synonym, zumal sich als Sprachusus heraus kristallisiert, dass „islamophob“ als Adjektiv vermehrt Verwendung findet, während das Substantiv variiert. Im wissenschaftlichen Diskurs wird sich jedoch sehr wahrscheinlich „antimuslimischer Rassismus“ durchsetzen.

Als Definition für diese neue Unterart des Rassismus schlage ich folgendes vor – wobei ich Elemente von Vorschlägen von Heiner Bielefeldt, Etienne Balibar und Birgit Rommelspacher ebenso einbeziehe wie einen Definitionsversuch der OSCE.

Islamfeindlich ist…

„die verallgemeinernde Zuweisung (negativ-)stereotyper Fakten und Fiktionen auf “den Islam” und/oder “die Muslime” bzw. die, die man spontan dieser Gruppe zuordnet.2 Islamfeindlichkeit kann verbal und physisch zum Ausdruck kommen, sie dient – wie jeder Rassismus – der Verfestigung etablierter hierarchischer Strukturen und somit der Abwehr von Inklusion. Die (religiöse) Verfasstheit der inkriminierten Gruppe ist nachrangig.

Während natürlich Missstände auch unter Muslimen nicht zu leugnen sind, kann ebenso wenig geleugnet werden, dass ein Verweis auf solche niemals Hass auf eine ganze Gruppe von Menschen rechtfertigt. Zudem fehlt den Vorwürfen, die man Muslimen gegenüber macht, schlicht die (Islam-)Spezifik. Weder die Misshandlung von Frauen, deren Genitalverstümmelung, das Schächten von Tieren, die Einhaltung von Ge- und Verboten, noch das Vorhandensein von Verbrechern und auch homo­phen oder antisemitischen Einstellungen – um nur einige der häufig angeführten Themen zu nennen – sind auf Muslime beschränkt noch überall unter Muslimen zu finden. Formulierungen wie „Im Islam…“ verweisen bereits auf den stereotyp verallgemeinernden Charakter einer Äußerung.

Während Übergriffe auf Frauen mit Kopftuch, Schändungen von Moscheen oder Gräberfeldern und auch offene Beschimpfungen mit Verbalinjurien ganz klar rassistisch motiviert sind, ist die Grenzziehung zur konstruktiven Kritik nicht immer leicht. Ist es nun rassistisch, wenn ein Arzt im hessischen Wächtersbach Muslime nur dann behandelt, wenn sie wenige Kinder haben, die Frauen kein Kopftuch tragen und alle über gute Deutschkenntnisse verfügen? Der Arzt hängte eine entsprechende Erklärung in seine Praxis und versicherte, dass er einfach einen reibungsloseren Arbeitsablauf wolle. Interessant sind in jedem Fall die Assoziationen, die die Aushänge verraten: Es scheint eine direkte Linie zwischen Kopftuch, Islamismus und Terrorismus zu geben. Ähnlich formulierte es der Mörder der ägyptischen Apothekerin Marwa El Sherbiny, als er die Kopftuchträgerin als „Islamistin“ und „Terroristin“ beschimpfte, die er am 1. Juli 2009 im Landgericht Dresden erstach. Die Interpretationslinie vom Islam zur „Terrorideologie“ ist offensichtlich angelegt und wird in hunderten islamophoben Internet-Blogs fortgeschrieben und forciert.

Und was ist mit einem „Burkaverbot“ für den öffentlichen Dienst? Oder damit, dass breit berichtet wird, wenn ein Politiker die Erlassung eines diesbezüglichen Verbotes fordert? Die Niqab-Trägerin in Hessen, die eine solche Diskussion auslöste, hatte zu dem Zeitpunkt der Aufregung auf die Stelle bereits verzichtet. Hier wird das Dilemma deutlich, dass manchmal die Grenzziehung zwischen Rassismus und Meinungs­äußerung nicht so einfach zu ziehen ist. Das Merkmal der Instrumentalisierung eines durchaus legitimen Anliegens beziehungsweise einer durchaus legitimen Kritik gehört zur Frage der Grenzziehung zwischen Diskriminierung auf der einen und Aushandlung von akzeptablem Verhalten auf der anderen Seite.

Zur verallgemeinernden Zuweisung mag dabei durchaus die Tendenz zu rechnen sein, dass extreme Ausnahmefälle sofort zur Begründung allgemein gültiger Regeln dienen sollen. Auch die Übertragung dessen, was man über Islamisten erfährt, auf die Wahrnehmung aller Muslime, gehört dazu. Damit deuten dann auch wohlmeinende Kommentare wie „er ist gemäßigt“ oder „sie trägt zwar Kopftuch, aber sie ist offen“ auf diesen schwer fassbaren antimuslimischen Rassismus hin, indem sie das Negativbild fortschreiben und jede Abweichung davon als Ausnahme der Regel deklarieren. Und es ist gut, wenn derlei Äußerungen gemacht und dann geklärt werden können. Sonst befeuern sie verschwörungstheoretische Mythen, wie die Idee, dass „man ja gar nichts sagen“ dürfe – was nachweislich umgekehrt der Fall ist: Kritik an dem, was man für den Islam hält, ist weit verbreitet und gehört irgendwie zum „guten Ton“, während die Kritik an der Islamfeindlichkeit bis heute einen Ruch des Schmuddeligen hat, des Nichtsagbaren, ja, potenziell Terrorverteidigenden. Und wehe man hält bestimmte Diskursrituale nicht ein, z.B. Gewalt abzulehnen bevor man Islamfeindlichkeit kritisiert! Dabei befördert der Zwang, eine solche Selbstverständlichkeit zu äußern, gerade wieder das Klischee einer Gewaltaffinität.

Dass es sich um einen Abwehrmechanismus gegenüber den besonders erfolgreichen Anderen – früher die „Ausländer“, heute die „Muslime“ – richtet, kann man den neuesten Ergebnissen der Forschungsgruppe um Wilhelm Heitmeyer entnehmen. Die Ängste des Mittelstandes in der Wirtschaftskrise scheinen den antimuslimischen Rassismus geradezu zu befeuern. Während wir sarrazinesk über „Integrationsverlierer“ diskutieren oder über unterdrückte muslimische Frauen, ist es gerade die „kopftuchtragende Akademikerin“, die Abwehr und gar Gesetzgebung hervorruft.3 Dabei fällt der doppelte Maßstab immer weniger auf, dass in Bezug auf die besonders markierte Gruppe der Muslime oftmals laizistisch argumentiert wird, während man sich ansonsten an die Verfasstheit des säkularen Staates hält.

Antimuslimischer Rassismus trifft aber nicht nur Muslime und andere Minderheiten, sondern immer die ganze Gesellschaft

  • etwa dann, wenn der aus dem „Ausländerdebatte“ übernommene Kosten-Nutzen-Diskurs sich auf andere Gruppen überträgt und auch im Rahmen von Hartz IV und Pflegeversicherung sich jenseits der Menschenrechte ein Nützlichkeitsdiskurs einstellt.

  • etwa dann, wenn es angesichts von Islamistenangst und Terrorwarnungen um Überwachungsgesetzgebung geht – wie die ARTE-Sendung „Freiheit oder Sicherheit“ auf Youtube heute noch dokumentiert.

In diesem Zusammenhang sind die Studien von Wolfgang Frindte et. al. von der Uni Jena sowie die Analysen von Liz Fekete vom Londoner Institute of Race Relations von größter Bedeutung: Der Zusammenhang mit dem neokolonialen „War on Terror“ auf der einen und dem Ausbau der „Festung Europa“ auf der anderen Seite ist ernst zu nehmen.

Woher kommt der antimuslimische Rassismus?

Viele meinen, verstärkte antimuslimische Ressentiments seien direkt verknüpft mit der Einwanderung durch Muslime zu Zeiten des sog. Wirtschaftswunders. Das stimmt nicht, wie ich ausführlicher in einem Beitrag für das online-Medium Migazin.de darlege. Das war damals kein Thema, weil die Industrie die Arbeiter brauchte, und zeigt, wie die Aufmerksamkeit je nach Zeitgeist auf bestimmte Aspekte von Gruppen gelenkt werden kann.

Unser Islambild wurde im Wesentlichen durch die Auslandsberichterstattung geprägt – mindestens seit der Iranischen Revolution 1979.4 Es hat extrem wenig mit der Reli­gion der Muslime und schon gar nichts mit deren religiösem Selbstverständnis zu tun. Starke, bis heute wirksame Frames (Rahmen, Wahrnehmungsschablonen) sind ent­standen, in denen neuere Entwicklungen schnell eingepasst werden: so etwa der Frame der Frauenunter­drückung durch Betty Mahmoodys „Nicht ohne meine Toch­ter“, der in der Retrospektive nahtlos an alte orientalische Mythen anknüpfen konnte: entweder erschien der Orient als exotisch oder als gefährlich. Auch der Frame der Gewaltaffinität wurde lange kultiviert. Und der Frame der Feindschaft gegenüber Kunst- und Meinungs­freiheit entstand ganz konkret im Zusammenhang mit der Affäre um Salman Rushdies Buch „Die satanischen Verse“ 1989, wo diese Interpretation auch stimmte.

Verstärkt wurde Aufmerksamkeit auf Islam und Muslime in den 1990er Jahren gelenkt, durchaus auch gezielt durch Think Tanks, die geostrategische Interessen verfolgten. Dennoch halte ich den größten Teil des Ressentiments für ein Missverständnis, wo aus der Wiederholung bestimmter Fakten, die in den Vordergrund gerückt werden, eine Überzeugung entstanden ist. Wie William James sagte: „Nichts ist zu absurd, dass es nicht geglaubt würde, wenn es nur oft genug wiederholt worden ist!“6

Und hierbei spielen unsere Medien eine nicht zu unterschätzende Rolle. Sie bestimmen, welche Aspekte ausgewählt und welche ausgeblendet werden, welche vergrößert und welche verkleinert werden. Vergleicht man etwa die Europol-Statistiken zum Terrorismus mit den lupenartigen Vergrößerungen einzelner Terroranschläge in unseren Medien und den entsprechenden politischen Debatten, dann kann man das Potenzial der Verzerrung abschätzen.7 Ein Thema erörtern zu wollen, ohne die mediale Konstruiertheit desselben zu erfassen, bleibt immer schief.

1 Friedrich Ebert Stiftung (FES): Die Mitte in der Krise. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland. 2010; Wilhelm Heitmeyer (Hg.): Deutsche Zustände. Bd. 9. Suhrkamp 2010; siehe auch Sammelbegriff „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“. FRA (ehem. EUMC) Berichte über die europaweite Entwicklung von Islamophobie: http://fra.europa.eu s.v. „islamophobia“; PEW Global Attitudes Survey: http://pewglobal.org; Institute of Race Relations (IRR): Integration, Islamophobia and civil rights in Europe, London 2008 – http://www.irr.org.uk; siehe auch: European Muslim Research Centre der Exeter University: http://centres.exeter.ac.uk/emrc/.

3 Beispiele von Alltagserfahrungen und statistische Daten finden Sie in der Broschüre „Starke Frauen, schwerer Weg.“: http://www.interkultureller-rat.de/wp-content/uploads/StarkeFrauen.pdf

4Hafez, Kai: Die politische Dimension der Nahostberichterstattung. Bd. 2, 2002; Schiffer, Sabine: Die Darstellung des Islams in der Presse. 2005; dazu aktuell: http://www.medienverantwortung.de/wp-content/uploads/2009/07/20110729_IMV-Schiffer_Oslo_Krise-der-Islamhasser.pdf

5 aus Link, Jürgen: „[…] Zur Archäologie der Bombenköpfe,“ In: Jäger, Siegfried & Halm, Dirk (Hg.): Mediale Barrieren. Rassismus als Integrationshindernis. 2007: S. 151-165.; Weestergard-Zeichung aus dem Karikaturenstreit; Darstellung aus dem Internet, das etliche islamophobe Blogs „schmückt“.

6 zitiert nach: Ozubko, Jason & Fuelsang, Jonathan: „Remembering makes evidence compelling: Retrieval from Memory can Give Rise to the Illusion of Truth,” In: Journal of Experimental Psychology; Vorabveröffentlichung online 8.11.2010. vgl.: Schwartz, Marian: „Repetition and rated truth value of statements,” In: Journal of Psychology vol. 95/Nr. 3, 1982: S. 393-407. (http://www.jstor.org/pss/1422132) (http://www.reason.uwaterloo.ca/Site/OzubkoFugelsang_11.pdf)

7Die Anschläge der ETA würden die Nachrichtenwertfaktoren erfüllen – als Gefahr etwa für deutsche Touristen in Spanien – spielen medial aber allenfalls eine untergeordnete Rolle.

 

Morgen erscheint der zweite Teil der Rede von Sabine Schiffer!

  • Dr. Prof

    “Woher kommt der antimuslimische Rassismus?”

    Aus Israel und seiner Israel-Connection im zionistisch-freimaurerisch geführten Europa.
    Antiislamismus ist nicht nationalsozialistisch wie hier dargestellt, sondern zionistisch und freimaurerisch pseudorechts (false flag).
     

  • Islamversteher

    Gibt es einen Grund, die islamische Ideologie der Unterwerfung zu mögen?

    • mystiqal786

      Wenn ein Regierungssystem auf den Säulen der kollektiven, positiv-spirituellen Arbeit und dem Recht der Armen als Wirtschaftsprinzip aufgebaut ist, und Andersgläubigen Schutz bietet, habe ich nichts dagegen

  • Pingback: Literaturliste Islamophobie/Islamfeindlichkeit/Islamkritik « Serdargunes' Blog

BannerFans.com
Soziale Netzwerke



Creative Common