Werner Seppmann analysiert die verleugnete Klasse

Wir befinden uns in einer schmutzigen Fabrik. Es donnert und hämmert so laut, dass die Ohren weh tun. Es raucht und dampft. Die alten Glühbirnen flackern oder sind ganz erloschen. Es ist daher stockfinster. Die Temperaturen erreichen auch in einer Winternacht noch 40° C. Mit geschwollenen Händen arbeitet ein alter Mann mit 3-Tage-Bart am Fließband. Schweiß tropft von seiner Nase. Die Monotonie der Fließbandarbeit sind ihm anzusehen: leblos blicken seine ermüdeten Augen in Richtung Fließband. Neben ihm stehen dutzende Kopien dieser Szenerie am nächsten Band.

Nur: Sehen so Arbeiter aus? Ist das nur ein Klischeebild? Ist das nur noch Vergangenheit? Oder kann ein Arbeiter auch ganz anders aussehen? Werner Seppmann, ein Leo Kofler-Schüler und Vorstandsmitglied der Marx-Engels-Stiftung, zeigt in seinem Buch “Die verleugnete Klasse” (erschienen 2011), dass es auch heute noch eine Arbeiterklasse gibt und wie diese in Deutschland aussieht.

Um für einen Einstieg in das Thema zu sorgen, zählt der Autor zunächst die Grundlinien der Klassentheorie bei Marx auf. Zentral für die Klassenanalyse sind demnach:

  • die Produktions- und Arbeitsbeziehungen
  • die Ausbeutung der Lohnabhängigen durch die Kapitaleigentümer
  • die Ausbeutung reproduziert dauerhafte Herrschaftsverhältnisse
  • die Arbeiterklasse kann nicht für sich allein verstanden werden, sondern nur durch ihr Verhältnis zu anderen Klassen (von denen es mehrere gibt)
  • die Klassen haben unterschiedliche und teils völlig entgegengesetzte Interessen, also “antagonistischen” Charakter

Das Buch wendet sich vor allem gegen die Individualisierungsthese und andere Theorien, wonach es im Wesentlichen keine Arbeiterklasse mehr gäbe. Diese behaupten, dass die Umstrukturierungen der Arbeits- und Lebenswelt in den letzten Jahrzehnten dazu geführt hätten, dass es nur noch Schichten, Milieus oder einzelne Individuen ohne größere soziale Einbettung gäbe. Klassen wie die Arbeiter- oder die Kapitalistenklasse hingegen soll es demnach nicht geben.

Im Gegensatz zu diesen Theorien erklärt der Autor überzeugend, dass die Arbeiterklasse nach wie vor in der Welt und auch in Deutschland herumgeistert. Die Umstrukturierungen von Industrie und Arbeitsverhältnissen haben zu einem anderen Aussehen der Klasse geführt, nicht zu ihrem Verschwinden.

Nach wie vor dominiert die Arbeiterklasse die Arbeitswelt, auch in Deutschland. Die “Arbeiterklasse im engeren Sinn”, die Lohnabhängigen im industriellen Sektor, machen in Deutschland noch immer 30 % der ganzen Klasse aus.

Darüber hinaus erweitert der Autor den Begriff der Arbeiterklasse auf den der “Lohnabhängigenklasse”, die Klasse derer, deren Lebensstandard hauptsächlich von der Produktion von Profit unter Lohnverhältnissen abhängig sind. Zu der so erweiterten Lohnabhängigenklasse gehören laut Seppmann in Deutschland heute etwa 36 Millionen Menschen, also knapp die Hälfte der ganzen Bevölkerung!

Fragen, die der Autor im Anschluss aufwirft und beantwortet, sind:

  • Existiert noch so etwas wie ein prinzipiell handlungsfähiger “Kern” der Arbeiterklasse?
  • Wie haben die Zunahme von geistiger Arbeit und Dienstleistungen die Arbeiterklasse verändert?
  • Welche konkreten Auswirkungen auf die Zusammensetzung der Lohnabhängigenklasse hat die Zunahme von Angestelltentätigkeiten und “Dienstleistungen”?
  • Welche Konsequenzen haben die zunehmenden Differenzierungen innerhalb der Lohnabhängigenklasse, die Vergrößerung sozialer Unsicherheit und insgesamt die systematische Rückstufung und Dequalifizierung, denen viele Arbeitskraftverkäuferinenn und -verkäufer unterworfen sind?
  • Können die krisenbedingten Einschüchterungen überwunden werden, die zur politischen Friedhofsruhe geführt haben?

Das Buch ist ein wohltuender Beitrag zur soziologischen Debatte über die Stratifizierung der Gesellschaft und die Arbeiterklasse, sowie eine implizite akademische Kritik der gegenwärtigen Soziologie. Schließlich bietet es eine Klassenanalyse, die linke Aktive motivieren und bereichern kann.


Die verleugnete Klasse kann hier bestellt werden.

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