Nicht alles was matt ist, ist Dreck.

Ein Einblick in mein Leben in Brasilien, welches mir viele neue Sichtweisen aufgezeigt hat. Im Rahmen des Projekts “weltwärts” arbeitete ich für ein Jahr bei einer NGO in Sao Paulo.

Es ist Freitagabend und ich liege noch in der Hängematte, ruhe mich ein wenig von der Arbeit aus.
Ein kurzer Blick auf den Kalender: 2a Julho – Es ist Juli.
Stimmen in meinem Kopf „Das Jahr kann lang werden, es ist eine lange zeit…“.
Meine Muntwinkel gehen nach oben – ich muss grinsen.
Mittlerweile habe ich das Gefühl, die Zeit spielt mir einen Streich und ihr macht es soviel spass mich ueber die so schnellvergehende „Zeit“ grübeln zu sehen, dass der Streich nie aufhört.

Ich entscheide mich noch in die Theatervorstellung von einem anderen Projekt zu gehen.
Es ist immer schwer sich aus der Hängematte zu befreien, ich mache mich dann aber doch auf den Weg nach Vera Cruz, wo es einen Bus in Richtung Zentrum gibt.
Während ich gehe, dämmert es. Ich ziehe meine Taschenuhr aus der Hosentasche, es ist kurz nach Sechs. Ich muss mich ein wenig beeilen, die Vorstellung beginnt um Acht.
An einer Steigung helfe ich beim Anschieben eines VW Kaefers, der nicht den Eindruck macht noch intakt zu sein.
Schliesslich bedankt sich der Fahrer bei mir und der Kaefer roehrt davon.
Ich gehe am Fussballplatz vorbei, das kaputte Tor wurde durch ein Bambus-Tor ersetzt. Hier ist alles so einfach gestrickt.
Mein Leben koennte in den Sechszigern spielen.


Immer am gleichen Punkt des Berges wird es mir zu heiss und ich ziehe meinen Pullover aus, noch ein paar Schritte und ich habe einen wunderschoenen Ausblick auf die Favela Vera Cruz.
In einem kleinen Laden kaufe ich mir noch ein kleines Wegbier. Die Kassiererin legt das Bier sorgfaeltig in eine weisse Plastiktuete.
Ich sage ihr, dass ich keine Tuete brauche; Sie schaut mich verdutzt an. Ich erinnere mich an einen Einkauf, als ich fuer ein Kaesebrot und ein kleines Oreganopäckchen gleich zwei Tüten bekommen hatte, eine für das Brot und eine Tüte fuer das Organopäckchen …
Ich kapituliere, nehme die Tuete und verlasse den Laden – ich habe keine Lust auf Plastiktuetendiskussionen.

An der Kreuzung, wo ich auf meinen Bus warte, hat sich Nebelartiges gebildet. Es riecht nach verbranntem Bambus, es riecht auch ein bisschen nach verbranntem Müll. Ich weiß nicht ganz genau was es ist, der Geruch sticht ein wenig in der Nase. Ich kann nicht erklären warum, aber ich mag diesen eigenartigen Geruch.
Aus dem Nebel tauchen Autos auf, die einen hören sich an, als hätten sie schon längst ausgedient, und manchmal sieht man einen
nagelneuen Chevrolet und man fragt sich, was er hier verloren hat.
Gegenüber sitzt ein mir bekannter alter Mann, der sich hinter seiner Fritöse zu verstecken scheint. Bis jetzt hatte ich noch kein Verlangen nach Fritiertem. Es riecht nach altem fritierfett.
Jeden Moment müsste ein Bus kommen, ich warte schon eine weile.
Stattdessen taucht aus dem Nebel eine Pferdekutsche auf.
Ich muss grinsen.
Wie konträr mein Leben in Sao Paulo doch ist.

Ein Bus hält an der Bushaltestelle, ich steige ein und als ich nach ein paar Minuten merke, dass kein „normaler“ Busfahrer den Bus lenkt und vergleichsweise sehr sehr langsam fährt und nicht rast, packe ich mein Buch aus.
Ich döse ein bisschen und schaue mir das leben auf den Straßen der Favela an.
Auf der linken Seite sehe ich eine Werbetafel: „o melhor akademia no região“ – Das beste Fitnessstudio der Region.
Mein Blick geht nach oben und ich sehe eine mit Diskotheklichtern ausgestatteten Fitnessraum. Die Musik ist viel zu schnell für die lustig aussehenden Fitnessübungen.
Ich versuche meinen zuletzt gelesenen Satz ich Buch zu finden.
Es ist ein Buch von Satre.
Ich muss grinsen.

Um kurz nach acht betrete ich das Gelände einer sauberen und architektonisch beeindruckenden Universitaet.
Keine Spur mehr vom Favelaleben, hier fließt das geld.
Ich gehe in einen Saal, unsicher ob ich am richtigen Ort gelandet bin.
Auf der Buehne sitzen sechs Menschen auf Klappstühlen, doch ich bin richtig.
Jeder von ihnen hält eine Rede. Ein amerikanischer „Erziehungsforscher“ spricht vom „großen Potenzial in der brasilianischen Erziehung“ und „Qualität der Erziehung“ ohne je näher darauf eingeganen zu sein.
Es wurde viel geredet und nichts gesagt. Ich wollte das Stück endlich sehen.
Ungeduld machte sich in meinem kopf breit.

Nach circa einer halben Stunde fing es an.
DasProjekt Monte Azul, das erste Projekt in einer paulistanischen Favela, welches übrigens von einer Deutschen gegründet wurde, inszenierte das musikbegleitende und von Kontrasten gespickte Theaterstück.
Es handelt von dem Leben der Städter, der Mittelschicht und der gehobenen Schicht. Dieses Leben spielt sich auf der rechten seite der Theaterbühne ab.
Auf der linken Seite bekommt man einen Einblick in das Favelaleben .
Rechte Seite: Es werden die Ängste der Städter dargestellt. Sie haben Angst, kennen nur die schlechte, die dreckige und gewaltgeprägte Seite der favela. Die Aussagen werden überspielt, das Publikum lacht.
Ein Familienmitglied hat Geburtstag: Auf der linken Seite wird gesungen, gelacht und man tanzt.
Rechts: Es wird „happy birthday“ gesungen, ein kuchen wird serviert und man spricht nur ein paar Worte. Die Stimmung ist unharmonisch.
das Publikum lacht.

Es scheint, dass der Großteil des Publikums bisher nur die eine Seite, die rechte seite in ihrem leben kennengelernt hat.
Während das Lachen des Publikums verstummt und ich mich über das oberflaechliche Auge des Publikums wundere, habe ich Tränen in den Augen.

BannerFans.com
Soziale Netzwerke


Werbung
Werbung
Creative Common