Der avangardistische Bauer
Von Januar 2010 bis zum Januar 2011 arbeitete der Autor freeleo in einer NGO, in der äußersten Südperipherie Sao Paulos. Auf seinem Brasilien-Blog berichtete er regelmäßig über das Favelaleben, unter anderem auch über die grüne & verträumte Favela Bandeirantes.
Bandarantes. So heißt die Favela, in der ich seit nun schon drei Monaten lebe und neun weitere Monate leben werde.
Verhaeltnismaeßig ist es eine doch eher kleine Favela – gemessen auch an Vera Cruz und Aracati, welche Bandarantes umschließen.
Klettert man auf einen Huegel, wird einem ein Ausblick gewährt. Ein Ausblick der Schönheit, ein Aublick der glanzvollen Einfachheit.
Man blickt herab und beobachtet das Leben, das einem Kommunenleben stark ähnelt. Taeglich hoert man die unverwechselbare Meldodie des Gasmanns(lá lá, laa laaa,tú tú tuuu tuuu..) der mit seinem kleinen weißen Laster durch die favelas schlendert, in der Hoffnung, dass jemandem das Gas ausgegangen ist.
Auch der Eierverkaeufer ist jeden Tag aktiv. „Quarenta ovos, cinco reais“ (40 Eier, 2€), schallen aus dem Megafon, welches der Eierverkaeufer weiter hinten an seinem Fahrzeug befestigt hat. Jeden Tag scheinen sich die Worte ein Stück weiter in mein Gehirn zu fressen, was nicht gerade dazubeitraegt, die Wörter zu vergessen, während man in sein Fruehstücksei beißt.
Hat man einem was in Bandarantes mitzuteilen, auch wenn der „Gesprachspartner“ 200m von einem entfernt ist, so schreit man es einfach raus und hofft, dass die Worte nicht durch die laute Funke- und Forró-Musik verschluckt werden.
Die Musik findet ihren Ursprung in den Lautsprechern, die in der Bar ihr zuhause haben.
Seit gut einer Woche kann man in der Bar ein neues Gerät bestaunen: die digitale Juke-box mit intigriertem display.
Als ich die Lieder mit dem „rauf-runter-Knopf“ durchstoeberte, gelangte ich irgendwann in die Rubrik „forró“ (Sambamusik). Das Display zeigte nur Covers mit Männer-Duo’s an, bei denen nur die Hautfarbe und die „Grinsintensität“ variiert- schien jedenfalls so.
Als ich dann die Barbesitzerin fragte, ob es denn keine Sänger gebe, die solo singen, antwortete sie mir folgendes: „Wenn du nur einen Mann auf nem Cover siehst, dann muss der Partner verstorben sein“.
Das ist typisch brasilianischer humor, dachte ich mir, von dem die Barbesitzerin offensichtlich nicht zu wenig abbekommen hat. Lobenswert.
Letztens zeigte mir sie mir stolz ihre Enten, welche sie im Hinterhof züchtet. Der Marktpreis fuer eine gerupfte Ente: 50 Reais (knapp 25€) ; das ist ein netter Dazuverdienst für eine Frau, die nur vom Bierverkauf und den Münzen der Jukebox lebt. Dann bekam ich noch einen frisch geschnittenes Zuckerrohr in die Hand gedrückt, welches ich auslutschte – vergebens, da kaum Saft im Rohr war. Ich führte es auf den eher weniger nahrhaften Boden zurück.
Nebenan gibt es die kleine überschauliche „Kirche“(eher Garage), in der zum Teil bis tief in die Nacht gepredigt wird. Predigen ist an dieser Stelle aber wohl das falsche Wort: Hier wird nicht gepredigt, sondern Ausgetrieben! Der Teufel wird ausgetrieben. Jedenfalls wird der Teufel bei den Menschen ausgetrieben, die meinen vom Teufel bessen zu sein.
Die Parallelgesellschaft, die eine eigene Gesellschaft ist
Um die Beziehungen der Gesellschaft zu beschreiben, muss ich etwas weiter ausholen.
Hilfsbereitschaft und die Unterstützung untereinander genießen hier in der überschaulichen Favela hohe Priorität. Sei es beim Bau einer neuen Favela-hütte, eines Anbaus oder das tägliche Brot. Man hilft sich, hält zueinander: man schützt sich gegenseitig in schlechten Zeiten, welche keine besseren verheißt.
Das Gesellschaftsbild kann man – so finde ich – anhand des Schachspiels gut demonstrieren. Die Armen stellen die Bauern dar. Nicht nur im Verhältnis der Masse, sondern auch aus Sicht des “materiellen Werts”.
Ist man in der Lage eine gute Bauernstruktur aufzubauen, bei der möglichst viele Bauern andere Bauern decken, hat man eine gute Verteidigung und kann sich auf sein Angriffsspiel konzentrieren.
Philidor, ein französischer Komponist aus dem 18. Jahrhundert, der nebenbei noch als bester Schachspieler seiner Zeit bekannt war, ist für Folgendes Zitat bekannt.
„Die Bauern sind die Seele des Schachspiels“
Und genau das ist es! Die Bauern, die arme Bevölkerung sind die Seele der Kultur Brasiliens.
Welche Gesellschaftsschicht ist beim Carneval die aktivste? Es sind die Armen aus den Favelas, die ihr weniges Geld fuer teuren Nähstoff und die Carnevals-Waegen ausgeben.
Wer praegt den brasilianischen Funke und Hip hop/Rap? Es sind die Armen aus den Favelas. Wer ist maßgeblich am ökonomischen Aufschwung Brasiliens beteiligt? Es sind die Armen, die im Niedriglohnsektor oftmals für den Mindestlohn angestellt werden und die dreckige Vorbeit leisten müssen.
Ein Bauer. Was hat er schon für Möglichkeiten? nicht sonderlich viele. Am Anfang kann er zwei Felder nach vorne vorrücken, dannach nur noch ein Feld. Ist er einmal durch einen gegnerischen Bauern geblockt, bleibt es in den meisten Fällen für die nächsten Spielzüge auch so. die Angriffsfelder beschränken sich auf maximal zwei Felder.
Aber eine einzige Chance hat der sonst so schwach gestellte Bauer. Die Promotion. Das Entwicklen zu einer einer wertvolleren, stärkeren Figur, das Entwickeln zur Dame, einer eleganten Dame, die es fertig bringt, über das Schachspiel zu schweben, um den gegnerischen Figuren das Fürchten beizubringen.
Damit es zur Promotion kommen kann, muss erst ein langer, steiniger und mühsamer Weg von der Startposition bis hin zu den Startfeldern der gegnerischen Figuren zurückgelegt werden.
Wenn Kindheitsträume verblassen
Jedes Kind in der Favela träumt davon, eines Tages mal ein berühmter Fußballspieler, Sänger oder Schauspieler zu werden, sich zu entwickeln, berühmt zu werden, ein Star zu werden, der in der Favela seine Wurzeln hat und stolz darauf ist, den riesen Sprung geschafft zu haben. Der Traum mag dem Traum von einer anderen, sorgenfreien und friedlichen Welt gleichen.
Das große Leiden eines jeden Träumers ist jedoch die Aussichtslosigkeit des Schicksals: Ein Bauer ist unfrei, abhängig von der Figurenkonstellation, gebunden an den Großen und Mächtigen. Die einzige Laufalternative, die im strikten und gleichzeitig stupiden Vorwärtsmarsch liegt, raubt dem Bauer auch noch den Glauben an den freien Willen.
Die hinteren Figuren, Läufer, Springer, Türme, Dame und König sind diejenigen, die die Macht haben, die ganz großen Alternativen haben – sicher geschützt durch die Bauernfront.
Oft ist es der Zufall, der ueber das Schicksal der Bauern entscheidet, weil die mächtigen Figuren sich mit ihresgleichen, den gegnerisch gleichwertigen Figuren bekämpfen und unbemerkt den von ihnen nicht geachteten Bauern den Weg für die Promotion frei machen. Dem Bauer wird aber einem bestimmten Zeitpunkt, dann wenn der große Kampf der mächtigen Figuren beginnt, keine Aufmerksamkeit mehr geschenkt.
Erst wenn sich ein Fußballscout mit einem Profivertrag in der Favela verirrt oder sich ein/e Sänger/in jahrelange ueber Jahre hinweg in Favela-Bars einen Namen gemacht hat und vom wind leise Töne in das Zentrum von Sao Paulo geweht werden, ist die Chance da, die Chance der Promotion.

